Höhenmedizin

Grundlagen

"Jeder Mensch kann höhenkrank werden, wenn er nur schnell genug höher steigt !"

Es gibt große individuelle, genetisch bedingte Dispositionsunterschiede. Aber jeder Mensch kann bei entsprechender Aufstiegsgeschwindigkeit und in der entsprechenden Höhe höhenkrank werden. Personen, die schon früher eine akute Bergkrankheit oder ein Hirn-/Lungenödem erlitten, bleiben auch weiterhin besonders anfällig. Der neben der individuellen Reaktion auf den Sauerstoffmangel wichtigste Risikofaktor ist die Geschwindigkeit des Aufstiegs. So weisen beispielsweise Trekker auf dem Weg zum Everest, die mit dem Flugzeug nach Lukla (2850 m) fliegen, später doppelt so häufig Symptome der Höhenkrankheit auf als solche, die von Jiri (1900 m) aus zu Fuß aufsteigen (47% zu 23%). Die akute Bergkrankheit (AMS) weist vermutlich keine Geschlechtsdisposition auf, während das Höhenlungenödem (HAPE) offensichtlich männliche Bergsteiger (vor allem unter 18 und über 60 Lebensjahren) bevorzugt. Die Anfälligkeit für akute Höhenkrankheiten ist unabhängig vom Trainingszustand, wohl aber abhängig vom Körpergewicht bzw. von Übergewicht. Anaerobe Belastungen, sowie längere Phasen von Pressatmung und große Kälte gelten als zusätzliche Risikofaktoren hinsichtlich des Auftretens eines Höhenlungenödems.


RISIKOFAKTOREN DER AKUTEN HÖHENKRANKHEIT:

  1. Aufstiegsgeschwindigkeit
  2. Individuelle Disposition
  3. Höhenbedingte Vorerkrankungen

AUSLÖSENDE FAKTOREN DER AKUTEN HÖHENKRANKHEIT:

  1. Nichtbeachtung höhentaktischer Regeln
  2. Anaerobe Belastung mit Pressatmung (HAPE)
  3. Kälte (HAPE)
  4. Atemwegsinfekte (HAPE)
  5. Schlafmittel
  6. Ängste

Höhenkrankheit

Unter Höhenkrankheit versteht man - als Sammelbegriff - alle Anpassungsstörungen an Sauerstoffmangel. Die akute Höhenkrankheit tritt in drei unterschiedlich ausgeprägten Formen in Erscheinung:

[Bild: Formen der Höhenkrankheit]

(1) Die zerebralen - das Gehirn betreffenden - Formen der Höhenkrankheit:

AMS (Acute Mountain Sickness), die Akute Bergkrankheit tritt vornehmlich in Höhen zwischen 2500m und 6000m auf, und typischerweise sechs bis achtzehn Stunden nach Ankunft in einer neuen Höhenlage. In den Alpen wurde eine Häufigkeit von 9% auf 2850 m, 13% auf 3050 m und 34% auf 3650 m festgestellt. Die Häufigkeit der akuten Bergkrankheit liegt weltweit im Durchschnitt bei rund 30 bis 50%.

HACE (High Altitude Cerebral Edema), das Höhenhirnödem, beruht vermutlich auf einer ähnlichen Krankheitsentstehung (Pathogenese) wie die Akute Bergkrankheit, und stellt eine sehr seltene, aber weitaus gefährlichere Steigerung Ersterer dar. Der Übergang von AMS zu HACE ist fließend. Das Höhenhirnödem tritt nur selten in Höhen unter 6000m auf, kann allerdings nach dem Auftreten innerhalb weniger Stunden zum Tod führen. Auch treten HACE und HAPE häufig gemeinsam in Erscheinung.

(2) Die pulmonale - die Lunge betreffende - Form der Höhenkrankheit

HAPE (High Altitude Pulmonary Edema), das Höhenlungenödem tritt wie die AMS vornehmlich in Höhen zwischen 2500m und 6000m auf. Zwei Drittel aller Fälle ereignen sich jedoch zwischen 3000m und 4500m Seehöhe. Höhenlungenödeme beginnen oft charakteristischerweise in der zweiten Nacht auf einer neuen Höhe. Es kann völlig unabhängig von Symptomen der Akuten Bergkrankheit auftreten, natürlich aber auch häufig gemeinsam mit diesen. Nach mehr als vier Tagen im selben Höhenbereich besteht praktisch kein Risiko mehr, dass sich ein Lungenödem entwickelt.


LEITSYMPTOME DER AKUTEN HÖHENKRANKHEIT (AMS / HAPE / HACE)

Die Druckanstiege im Gehirn und Lungenkreislauf führen zu Verhaltensauffälligkeiten/Symptomen an Hand derer Höhenkrankheiten diagnostiziert werden können.

Drei Leitsymptome erfordern besondere Beachtung:

  • Anhaltender Kopfschmerz
  • Stand- und Gangunsicherheit (Ataxie)
  • Plötzlicher Leistungsabfall

aus: Höhe x Bergsteigen – Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010


Kopfschmerz

Das häufigste Leitsymptom der akuten Höhenkrankheit ist der Höhenkopfschmerz. Es handelt sich dabei charakteristischerweise um dumpf klopfende Schmerzen, die bei Erreichen einer bestimmten neuen Höhe rasch auftreten können. Sie verstärken sich häufig nachts und beim Aufwachen. Anstrengungen intensivieren den Höhenkopfschmerz. Nicht selten verschlimmert sich der Höhenkopfschmerz beim Abstieg unmittelbar nach einem Anstieg (z.B. Passüberschreitung), vermutlich deshalb, weil sich beim weniger anstrengenden Bergabsteigen die Hyperventilation verringert. Kopfschmerzen haben als wahrscheinlichste Ursache Flüssigkeitsverschiebungen im Gehirn, die zu einem gesteigerten Hirndruck führen. Meist sind die Kopfschmerzen nicht behandlungsbedürftig und verschwinden nach wenigen Stunden oder einem Tag in der Höhe. Dennoch sind sie immer ein Anzeichen dafür, dass die Akklimatisation noch nicht optimal ist. Ist der Kopfschmerz länger anhaltend (> 2h) und von mindestens einem weiteren der nachfolgend gelisteten Krankheitssymptome begleitet, gilt die Diagnose einer akuten Bergkrankheit (AMS) bereits als gesichert. Entsprechende Sofortmaßnahmen müssen unverzüglich eingeleitet werden.


AKUTE BERGKRANKHEIT (AMS)

Kopfschmerz (Leitsymptom)         
[Kopfschmerz alleine, also ohne weitere Symptome, ist noch keine AMS !]
     +
mindestens eines der folgenden Symptome:

  • Vergleichsweise niedrige Sauerstoffsättigung (%SaO2) unter Belastung (àTest)
  • Müdigkeit
  • Schwäche
  • Appetitlosigkeit
  • Übelkeit
  • Ruheherzfrequenzerhöhung um mehr als 20 Schläge
  • Atemnot bei Anstrengungen
  • Schlaflosigkeit
  • Teilnahmslosigkeit (Apathie)
  • Periphere Unterhautödeme
  • Verringerte Urinabgabe (Zurückhalten von Flüssigkeiten)

aus: Höhe x Bergsteigen – Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010


Standunsicherheit

Bei jeder Form von Höhenbeschwerden ist immer ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung von Gang- und Stehunsicherheiten zu lenken: Das Auftreten von Ataxie ist das wichtigste Alarmzeichen für den Übergang von Symptomen der akuten Bergkrankheit (AMS) zum lebensbedrohlichen Höhenhirnödem (HACE). Hat man den Verdacht auf eine Gangunsicherheit, wendet man einen einfachen Test an: Man fordert die betreffende Person auf, entlang einer am Boden gekennzeichneten Linie, jeweils einen Fuß unmittelbar vor den anderen zu setzen. Tritt die Person dabei immer wieder daneben, benötigt eine Stütze oder fällt sogar zu Boden, besteht höchstwahrscheinlich ein Höhenhirnödem. Balanceschwierigkeiten allein sind noch kein ausreichender HACE-Hinweis. Der Finger-Nase-Test ist ungeeignet.

Ein Höhenhirnödem tritt nie aus heiterem Himmel auf. Immer bestehen bereits 12 bis 24 Stunden Symptome der akuten Höhenkrankheit - zumeist ein starker Höhenkopfschmerz, der sich mit Kopfschmerzmitteln kaum unterdrücken lässt. Dieses deutliche Anzeichen wird aber häufig fehlinterpretiert, verschwiegen oder sogar verleugnet. Man kann daher davon ausgehen, dass die Entwicklung eines Hirnödems bei rechtzeitigen Gegenmaßnahmen immer vermeidbar wäre. Pathophysiologische Ursache scheint die durch den niedrigen Sauerstoffpartialdruck in der Höhe gesteigerte Hirndurchblutung zu sein. Ein allgemeines Ödem erhöht den Hirndruck und es kommt zu vereinzelten Blutungen und Thrombosen (Blutgerinnseln). Das Höhenhirnödem tritt zwar selten auf, hat aber „viele Gesichter", ist damit schwer zu diagnostizieren und verläuft häufig (wenn zu spät erkannt) tödlich.


HÖHENHIRNÖDEM (HACE)

Gang- und Standunsicherheit (Leitsymptom)
[Balanceschwierigkeiten alleine sind noch kein ausreichender HACE-Hinweis] 

  • Deutlich erniedrigte Sauerstoffsättigung (%SaO2) in Ruhe und unter Belastung (àTest)
  • Schwerste, medikamentenresistente Kopfschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schwindelzustände
  • Halluzinationen
  • Lichtscheue
  • Sehstörungen
  • Vernunftwidriges Verhalten
  • Neurologische Veränderungen (z.B. Halbseitenlähmungen, Nackensteifigkeit, Augenmuskellähmungen)
  • Fieber
  • Bewusstseinsstörungen
  • Koma
  •  24-Stunden-Urinmenge unter 0,5 Liter

aus: Höhe x Bergsteigen - Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010


Leistungsabfall

Im Vorfeld des Höhenlungenödems kann es typische Symptome der akuten Höhenkrankheit geben, das Vorstadium eines Lungenödems kann aber auch ziemlich uncharakteristisch verlaufen: Unverhältnismäßige Müdigkeit, Atemnot anfangs bei Anstrengungen und dann in Ruhe sowie trockener Husten. Das auffälligste Leitsymptom für ein unmittelbar bevorstehendes oder bereits beginnendes Lungenödems ist aber typischerweise ein plötzlicher Leistungsabfall: Ein bisher leistungsfähiger Bergsteiger benötigt plötzlich die zwei- oder dreifach längere Gehzeit als seine Partner, muss häufig rasten und erholt sich in diesen Pausen kaum. Der Sauerstofftransport über die Lungenbläschen ins Blut ist stark behindert, was sich besonders bei Anstiegen und dem damit verbundenen höheren Sauerstoffbedarf negativ bemerkbar macht.

Höhenlungenödeme beginnen oft charakteristischerweise in der zweiten Nacht auf einer neuen Höhe. Das bevorzugte nächtliche Auftreten des Lungenödems dürfte auf die schlafbedingt zusätzlich verringerte Ventilation und damit Sauerstoffversorgung, aber auch darauf zurückzuführen sein, dass eine waagrechte Oberkörperposition zu einer zusätzlichen Druckerhöhung im Lungenkreislauf führt. Bei allen Menschen erhöht sich in Höhen ab etwa 3.500m der Druck im Lungenkreislauf. Unter Normalbedingungen beträgt er etwa 10 bis 15 mmHg. Er steigt bei Bergsteigern, die erstmals in die Höhe aufsteigen, auf etwa 30 mmHg und erreicht bei Bergsteigern mit einem Höhenlungenödem Werte um 60 mmHg. Wichtig in diesem Zusammenhang ist zu wissen, dass Kälte bzw. eine Unterkühlung auf Grund der Zentralisation des Blutes zu einem weiteren Druckanstieg im Lungenkreislauf führt. Als Folge der Druckerhöhung kommt es zum Übertritt von Blutplasma durch die druckgeschädigte Membran in die Lungenbläschen. Die Sauerstoffaufnahme wird so behindert, dass Atemnot eintritt.


HÖHENLUNGENÖDEM (HAPE)

Plötzlicher Leistungsabfall (Leitsymptom)

[Der Leistungsabfall alleine genügt zur Diagnose eines Lungenödems. Will man sich sicher sein, lässt man die Person ca. 50m aufsteigen -  mit HAPE unmöglich !)

  • Deutlich erniedrigte Sauerstoffsättigung (%SaO2) in Ruhe und unter Belastung (àTest)
  • Anstieg der Ruheherzfrequenz > 100
  • Zunächst trockener (bellender) Husten, später Husten mit blutig-schaumigen Auswurf
  • Atemnot bei Anstrengungen mit verzögerter Erholungszeit, später Atemnot in Ruhe
  • Blauverfärbung der Haut
  • Feinblasige Rasselgeräusche, später
  • Distanzrasseln (frei hörbares Rasseln)
  • Brennender Druck hinter dem Brustbein
  • Erbrechen
  • Fieber
  • Flachlagerung unmöglich
  • 24-Stunden-Urinmenge unter 0,5 Liter

 aus: Höhe x Bergsteigen - Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010


Do or die

"Steigen sie bei Höhenkrankheit sofort ab !"

Bei den ersten Anzeichen einer schweren Höhenkrankheit (Höhenlungenödem oder Höhenhirnödem) ist der sofortige und rasche Abstieg in tiefere Lagen die bestmögliche Therapie und allen anderen Therapieformen (Medikamente, Überdrucksack) weit überlegen. Nur bei extremer Gefährdung des Betroffenen bzw. der Retter (z .B. bei Lawinengefahr, Gewitter …) darf der Abtransport aufgeschoben werden. Das Gefahrenpotential, das in einem verspäteten Abtransport bzw. im Fehlen von Zusatzsauerstoff steckt, konnte Zink (1985) zeigen: Höhenlungenödem-Kranke, die ohne Zusatzsauerstoff weiterhin der Höhe ausgesetzt blieben, verstarben 15 Mal häufiger als diejenigen, die sofort mit Zusatzsauerstoff versorgt und abtransportiert wurden. Durch das Warten auf Besserung oder Rettung von Außen wird oft wertvolle Zeit verschenkt, die später über Leben oder Tod entscheidet.

Die Sofortmassnahmen bei AMS, HAPE und HACE bestehen daher einerseits aus körperlicher Ruhe, Abstieg sowie Wärme und andererseits aus den Notfalltherapien Sauerstoff, Überdrucksack, TAR-Helm und einigen höhenspezifischen Medikamenten. Die richtige Anwendung und Kombination dieser Maßnahmen können für das Überleben entscheidend sein.

aus: Höhe x Bergsteigen – Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010

Notfallmedikamente in der Höhenmedizin

Verschiedene Medikamente wurden bereits hinsichtlich der Behandlung der akuten Höhenkrankheit eingesetzt bzw. untersucht. Medikamente als alleinige Therapiemaßnahme scheiden jedoch zumeist aus. Die Gabe von Medikamenten sollte nach Möglichkeit immer zusammen mit einer anderen Therapiemaßnahme kombiniert werden (Abstieg, Sauerstoff, Hyperbare Kammer, TAR-Helm).

Folgende Notfallmedikamente zur Behandlung der verschiedenen Formen der akuten Höhenkrankheit werden von den medizinischen Fachgesellschaften (ÖGAHM / BEXMED / UIAA MEDCOM) derzeit empfohlen:

Wirkstoff (-gruppe)

Medikament

Applikation

Anwendungsgebiet

NSAID
(Non Steroidal
Anti Inflamatory Drugs)

Brufenâ  400 / 600 mg
Naproxenâ  550 mg

einmalig 600 mg

Höhenkopfschmerz

Akute Bergkrankheit

Dexamethason

Fortecortinâ  4 mg


Fortecortinâ  Fertigspritze [Ampulle kann auch getrunken werden]

initial mindestens 8 mg, dann alle 6 Stunden 4 mg

zum Spritzen ( im / iv ) bei schweren Verlaufsformen oder bei Bewusstlosigkeit

Höhenhirnödem

[Höhenlungenödem]

Nifedipin (retard)

Adalat retardâ  20 mg Nifedipin SLâ 10 mg

initial 20 mg und dann alle
6 Stunden 20 mg

Höhenlungenödem

Tripeltherapie
Bei unklaren, schweren Formen der Akuten Höhenkrankheit kann zur Überbrückung bis zum Abstieg auch folgende Kombinationstherapie angewendet werden:

DEXAMETHASON     +     NIFEDIPIN ret.     +     SAUERSTOFF / ÜBERDRUCKSACK / TAR

aus: Höhe x Bergsteigen - Die taktischen Grundregeln des Höhenbergsteigens / Thomas Lämmle 2010