Höhentaktik - Richtiges Verhalten

Grundlagen

Die Wahrheit liegt zwischen Panikmache und Leichtsinn. Oberhalb von 2500 - 3000 Metern ist es wichtig, taktische Regeln des Höhenbergsteigens konsequent einzuhalten; nur so kann gesundheitliche Gefährdung durch akute Höhenkrankheit vermieden werden.

Schwere Formen der Höhenkrankheit sind mit konsequenter Höhentaktik absolut vermeidbar. Hinsichtlich Akklimatisationsgeschwindigkeit und Höhentoleranz bestehen individuelle Unterschiede. Manche Menschen passen sich schnell an, andere brauchen länger bis zum Erreichen vollständiger Akklimatisation. Größtes Risiko bringt zu schnelles Aufsteigen mit sich. Von wenigen Ausnahmen abgesehen besitzt aber jeder Mensch die Fähigkeit, sich an große Höhen anzupassen. Wichtig: alle Summit-Trekkings sind von Tagesprogramm und Routenführung her so konzipiert, dass die Höhenanpassung Vorrang hat.


Zeit, Höhe und technische Schwierigkeiten sind die entscheidenden Kriterien beim Höhenbergsteigen. Ein rascher Höhenaufstieg, zum Beispiel durch eine Seilbahnauffahrt oder einen Druckabfall im Flugzeug, kann bereits ab 1500 m zu messbaren Funktionsbeeinträchtigungen komplexer Hirnfunktionen führen. Bei akuter Höhenexposition auf 4000 m treten Schwindel, Herz- und Atemstörungen, ab etwa 5000 m Gleichgewichtsstörungen und Sehverminderung und ab 6000 m Bewegungsstörungen, Krämpfe und Bewusstlosigkeit auf. Oberhalb von 7000 m werden rund 80 %, auf Everesthöhe (8850 m) praktisch 100 % der Menschen innerhalb von zwei bis drei Minuten bewusstlos und sterben kurz darauf. Ein sehr schneller Aufstieg in große Höhen ist also stets ein lebensbedrohliches Ereignis. Je langsamer und schonender hingegen ein Höhenaufstieg erfolgt, desto eher kann sich der menschliche Organismus an den herrschenden Umgebungsdruck anpassen und desto länger ist ein Überleben in der Höhe möglich.

[Bild: Zeitreserve]

Der Begriff "Höhenakklimatisation" bezeichnet den Prozess der langsamen und schrittweisen Anpassung des menschlichen Organismus an den reduzierten Sauerstoffpartialdruck in der Höhe. Dabei handelt es sich um einen noch nicht vollständig verstandenen physiologischen Vorgang, bei dem innerhalb von Stunden bis Monaten eine Reihe von Anpassungsvorgängen ablaufen, deren Ziel die Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Körperzellen ist. Die wichtigsten Komponenten der Akklimatisation sind die Zunahme der Atemfrequenz und des Atemzugvolumens (= Hyperventilation), sowie der Anstieg der Herzfrequenz. Während die Herzfrequenz, außer in extremen Höhen (>5500 m), mit zunehmender Akklimatisation wieder auf Werte des Talniveaus sinkt, bleibt die Ventilation während des Höhenaufenthaltes erhöht.

Hinsichtlich Akklimatisationsgeschwindigkeit und Höhentoleranz bestehen große individuelle Unterschiede. Manche Menschen passen sich sehr schnell an, andere dagegen entwickeln unter gleichen Bedingungen eine akute Höhenkrankheit bzw. benötigen länger bis zum Erreichen einer vollständigen Akklimatisation. Nur sehr wenige Menschen sind überhaupt nicht in der Lage, sich der Höhe, sprich dem verminderten Sauerstoffpartialdruck anzupassen. Im Grunde genommen besitzt jeder Mensch diese Fähigkeit, gibt man ihm nur ausreichend Zeit dazu.

Eine vollständige Akklimatisation ist bei Erwachsenen wahrscheinlich nur bis zu einer Höhe von ca. 5500 m möglich. Darüber hinaus kann nur noch eine Teilakklimatisation erlangt werden, die ein labiles Gleichgewicht zwischen inkompletter Höhenanpassung und Toleranz für chronischen Sauerstoffmangel darstellt. Oberhalb 2500 - 3000 m müssen die taktischen Regeln des Höhenbergsteigens konsequent eingehalten werden, um eine gesundheitliche Gefährdung durch akute Bergkrankheit (AMS), Höhenlungenödem (HAPE) oder Höhenhirnödem (HACE) zu verhindern. Höhenmediziner betonen, dass schwere Formen der akuten Höhenkrankheit mit konsequenter Höhentaktik absolut vermeidbar sind. In den zehn Grundregeln des Höhenbergsteigens [Lämmle 1999] wird das richtige taktische Verhalten in großen und extremen Höhen detailliert erläutert.


Die 10 Grundregeln beim Höhenbergsteigen

# 1 NOT TOO FAST, TOO HIGH !

Steigen sie nicht zu schnell zu hoch !

Das entscheidende Kriterium jeder Höhenanpassung ist die Geschwindigkeit mit der sie einen bestimmten Höhenunterschied überwinden. Bevorzugen sie daher aktive Aufstiege zu Fuß, (anstatt passive Aufstiege z.B. mit PKW oder Hubschrauber). Eine allgemeine Faustregel zur Aufstiegsgeschwindigkeit lautet : "In Höhen über 2500m treten seltener Beschwerden auf, wenn die Schlafhöhe um nicht mehr als 400 bis 600 Hm pro Tag gesteigert wird."


# 2 GO HIGH, SLEEP DOWN !

Achten sie auf ihre Schlafhöhe !

Entscheidend für die Akklimatisation ist die "Schlafhöhe". Diese sollte immer so tief wie möglich, zumindest aber tiefer als die maximale Tageshöhe liegen. Auf Hochtouren angewendet bedeutet dieser Grundsatz, bei Ankunft in einem Lager dieses nicht sofort zu beziehen, sondern nach einer Rast, langsam und ohne Gepäck nochmals ca. 30 Minuten aufzusteigen und erst danach zum Lager zurückzukehren. Beim Aufbau von Hochlagern über 5000m sollten diese erst nach zweimaligem Erreichen - besser Überschreiten - der Lagerhöhe bezogen werden.


# 3 WATCH YOUR HEART RATE AND TAKE IT EASY !

Beobachten sie ihre Herzfrequenz und lassen sie sich Zeit !

Die Kontrolle der morgendlichen Ruheherzfrequenz (im Liegen, nach dem Aufwachen) ist der Parameter, der einem zuverlässig Auskunft zum persönlichen Akklimatisationsstand liefert. Ist die Herzfrequenz um mehr als 20 Schläge gegenüber zu Hause erhöht, befindet sie sich in der kritischen Phase der Akklimatisation. In dieser Phase muss der Körper unbedingt geschont werden, wenn sie eine Höhenkrankheit vermeiden möchten. Grundsätzlich gilt : "Gehen sie langsam und tragen sie kein schweres Gepäck !"


# 4 WATCH YOUR BREATHING !

Achten sie auf ihre Atmung !

Aktive Hyperventilation (Mehratmung) ist der Schlüssel zum erfolgreichen Höhenbergsteigen. Durch aktives Ausatmen von Kohlendioxid kann der Sauerstoffdruck in den Lungenbläschen erhöht werden. Damit verbessert sich die Sauerstoffversorgung im gesamten Organismus. Ihr Geh- bzw, Steigrhythmus muss sich bei dieser Atemtechnik dem Atemrhythmus anpassen. Auf flacheren Wegabschnitten bedeutet dies: 1. Schritt einatmen - 2.Schritt ausatmen. Wird es steiler bzw. höher, heißt es: Fuß aufsetzen und einatmen - Fuß durchdrücken und ausatmen.


# 5 KEEP AN EYE ON YOUR PARTNER !

Beobachten sie ihren Tourenpartner !

Höhenbedingte Probleme werden sehr oft ignoriert oder bewusst verschwiegen. Eine der wichtigsten Verhaltensregeln bei Gruppenaufenthalten in der Höhe lautet daher :" Beobachten sie ihren Tourenpartner und sprechen sie ihn bei Verdacht auf akute Höhenkrankheit an !". Alarmzeichen sind plötzlicher Leistungsabfall, starke lang andauernde Kopfschmerzen sowie Gang - und Stehunsicherheit.


# 6 DO OR DIE !

Steigen sie bei Höhenkrankheit sofort ab !

Bei den ersten Anzeichen einer schweren Höhenkrankheit (siehe # 5) ist der sofortige Abstieg in tiefere Lagen die bestmögliche Therapie. Eine Studie von Zink zeigt, dass Höhenlungenödem-Kranke, die in der Höhe versorgt wurden, 15 mal häufiger verstarben, als diejenigen die sofort abtransportiert wurden. Bei unklaren, schweren Formen der Höhenkrankheit können sie zur Unterstützung der Therapie und zur Überbrückung bis zum Abstieg folgende Kombinationstherapie anwenden : Dexamethason + Nifedipin retard + Sauerstoff/Überdruckbehandlung


# 7 STAY HEALTHY !

Achten sie auf ihre Gesundheit !

Eine der größten Herausforderungen bei einer Expedition ist, gesund das Basislager zu erreichen. Das Infektionsrisiko bei Höhenaufenthalten ist erhöht. Schutz vor Durchfallerkrankungen bietet nur das strikte Einhalten hygienischer Mindeststandards. Waschen sie unbedingt die Hände vor dem Essen und beachten sie den Leitspruch: "Cook it, peel it or forget it !". Atemwegserkrankungen können sie durch Feuchthalten der Schleimhäute mit einem Tuch vor dem Mund und mit regelmäßigem Lutschen von Pastillen/Bonbons vermieden.


# 8 DON'T STOP DRINKING !

Trinken sie viel !

Die höhenbedingte Mehratmung in Verbindung mit der kalten und trockenen Luft im Gebirge führt zu einem verstärkten Flüssigkeitsverlust, der in 4000 - 8000m bei ca. 3,5l / 24h liegt. Über Nahrungsmittel und Getränke sollte diese Flüssigkeitsmenge täglich zugeführt werden, sonst droht Dehydration und in deren Folge ein Leistungsabfall sowie ein erhöhtes Risiko für Thrombosen, Embolien und Erfrierungen.


# 9 SLEEP WELL !

Schlafen sie gut !

Expeditionsbergsteiger haben häufig mit massiven Schlafproblemen in der Höhe zu kämpfen. Mit zunehmender Höhe verkürzt sich die Länge des Schlafs und die Anzahl der Schlafunterbrechungen nimmt zu. Auch tritt das Höhenlungenödem vorzugsweise beim Schlafen auf. Eine Irritation des Atemzentrums gilt als Auslöser dieser Störung. Schlafüberhöhungen von weniger als 600 Hm, ausreichende Zeltbelüftung, Schlafen mit erhöhtem Oberkörper und der Verzicht auf Schlafmittel können hier prophylaktisch wirken.


# 10 DON'T STAY TOO HIGH, TOO LONG !

Halten sie sich nicht zu lange in extremen Höhen auf !

Die "magischen" Grenzen im Höhenbergsteigen sind die Höhenstufen von 8000m und die von 5500m (Akklimatisationsgrenze). Nur bis in eine Höhe von ca. 5500m kann der Mensch auf Dauer leben bzw. sich akklimatisieren. Darüber kommt es zu einem stetigen Leistungsabfall (Körpergewichts- und Muskelmassenverlust) und in der Folge zum Tod durch Erschöpfung. Basislager sollten daher immer unterhalb 5500m angesiedelt werden, darüber gilt der Grundsatz: "Schnelligkeit ist Sicherheit!"