Höhenmedizin


Grundlagen

"Jeder Mensch kann höhenkrank werden, wenn er nur schnell genug höher steigt !"

Die wichtigsten Einflusskriterien sind genetische Prädisposition, Wohnhöhe, vorausgegangene Höhenexposition, Aufstiegsgeschwindigkeit und höchste Höhe. Keinen Einfluss haben körperliches Training und Fitness, Alter, Geschlecht und Rauchen.

CAVE:

Wenn man bisher bei Aufenthalt in grösseren Höhen nicht erkrankt ist, heisst das nicht, dass man bei erneutem Höhenaufenthalt „resistent“ ist! Bei bestehenden Vorerkrankungen jeglicher Art sollte vor der Planung einer Reise ein Höhenmediziner aufgesucht werden!

Man unterscheidet 3 höhenbedingte Krankheitsbilder:

  • AMS (=acute mountain sickness) = akute Höhenkrankheit
  • HAPE (= high altitude pulmonary edema) = Höhenlungenödem
  • HACE (= high altitude cerebral edema) = Höhenhirnödem

AMS

Ist eine selbstlimitierende Erkrankung, die gesunde Bergsteiger befällt, wenn sie zu rasch und mit zu grosser Belastungsintensität im Bereich ihrer individuellen Ausdauerleistungsgrenze aus Tallagen in ungewohnte Höhen aufsteigen und dort länger als 6 bis 24 Stunden bleiben. Selbstlimitierend, wenn kein weiterer Aufstieg bis Symptomfreiheit erfolgt!

Die Krankheitssymptome entwickeln sich nach dieser sogenannten Latenzphase und gipfeln nach ca. 36 Stunden, um ab dem 5. Tag auf derselben Höhenlage endgültig zu verschwinden. Beim nachfolgenden Höhersteigen können sie erneut auftreten.

Der Begriff einer sogenannten „Schwellenhöhe“, ab der mit höhenbedingten Erkrankungen zu rechnen ist, wurde aufgegeben. Jeder Organismus reagiert individuell. Zudem besteht eine grosse geographische und klimatische Schwankungsbreite, sodass grundsätzlich ab einem Höhenbereich zwischen 1500 und 3000m mit dem Auftreten von AMS zu rechnen ist.

Leitsymptom der AMS:

  • Höhenkopfschmerz, verstärkt durch körperliche Anstrengung

Zusatzsymptome der AMS:

  • Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen
  • Schwindelgefühl, Benommenheit
  • Antriebsarmut, Teilnahmslosigkeit, schweres Unwohlsein
  • Schlafstörungen

Tritt wenigstens eines der letztgenannten Zusatzsymptome auf, sprechen wir von AMS

„Therapie“ der AMS:

Nichtmedikamentöse Massnahmen:

  • Grosszügiger Zeit- und Routenplan, für eine ungestörte Akklimatisation
  • Bei leichten Beschwerden auf gleicher Höhe bleiben, bis zur Symptomfreiheit
  • Anschliessend langsam weiter Aufsteigen
  • Auf beschwerdefreie letzte Schlafhöhe achten
  • Bewusste Mehratmung, Ausatmung gegen leicht geschlossene Lippenstellung
  • Übermässiger Alkoholkonsum führt zu nächtlicher Atemdepression
  • Mässiger Genuss von schwarzem Tee und Kaffee haben positive Auswirkungen

Wer trotz Beschwerden weiter aufsteigt, begibt sich in Lebensgefahr! Schwere Gleichgewichtsstörungen und Bewusstseinstrübungen mit Realitätsverlust sind lebensbedrohliche Warnsymptome für ein fortschreitendes Hirnödem! Bei Fortbestehen von AMS Symptomen über den dritten Tag hinaus, bei Verschlimmerung in jedem Fall schon vorher, soll kompromisslos und nur in Begleitung abgestiegen werden!

Medikamentöse Behandlung:

  • Linderung der Kopfschmerzen: Ibuprofen 2- bis 3-Mal 600mg / 24h
  • Fortschreitende Beschwerden: Dexamethason 4mg alle 6 Stunden mit Erstdosis 8mg, IMMER mit anschliessendem Abstieg um mindestens 500 Höhenmeter, besser aber bis zur letzten symptomfreien Schlafhöhe

Nach mindestens 18 Stunden Beschwerdefreiheit ohne Medikation darf erneut und jetzt vorsichtiger aufgestiegen werden.

Im Einzelfall prophylaktische Einnahme von Acetazolamid 2mal 125mg. (CAVE: ersetzt nicht die Akklimatisation!)

Die vorsorgliche Anwendung von Sauerstoff verhindert die Akklimatisation.

Für Gingko Extrakte liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Kokablätter gekaut oder als Tee (in Südamerika verbreitet), haben keine Wirkung. Vitamin E oder C sind ebenfalls wirkungslos, zur Verbesserung der Höhenanpassung.

Die definitive Ursache der AMS ist bis heute unklar. Insgesamt tritt AMS aber umso häufiger auf, je schneller man aufsteigt.

3 goldene Regeln:

  • Im Zweifel ist jede ernste Befindlichkeitsstörung höhenbedingt!
  • Steige nur symptomfrei höher!
  • Trete bei Verschlimmerung unverzüglich den Abstieg an!

HAPE (Höhenlungenödem)

Das Höhenlungenödem tritt üblicherweise in den ersten 2 bis 5 Tagen nach Ankunft in einer Höhe oberhalb von etwa 3000m auf. Neben den häufig begleitend auftretenden Beschwerden der akuten Höhenkrankheit (AMS) ist oft eine starke körperliche Anstrengung vorausgegangen.

Warnsymptome:

  • Verminderung der Leistungsfähigkeit bzw. Belastungsatemnot
  • Husten
  • Druckgefühl im Brustkorb

Alarmsymptome:

  • starker Husten mit weißlichem bis rötlichem schaumigen Auswurf
  • Atemnot
  • Rasseln über der Lunge
  • Lippen sind bläulich verfärbt
  • Gesteigerte Atemfrequenz
  • Gelegentlich auch Fieber bis max. 38,5°C

Vorbeugung des Höhenlungenödems:

Analog zur Prophylaxe der AMS bzw. des Höhenhirnödems ist die beste Vorbeugung der

  • langsame Aufstieg in Höhen über 3500 bis 4000m. (siehe auch Höhentaktik, Akklimatisation)
  • Vermeidung von starker körperlicher Anstrengung bei Ankunft in neuer Höhe

Therapie des Höhenlungenödems:

  • Sofortiger und unmittelbarer Abstieg in Begleitung, besser und soweit möglich „passiver“ Abstieg (Abtransport). Bereits 300 bis 500m können die Situation deutlich verbessern.
  • Sauerstoffgabe (oft nur gering verfügbar und daher zeitlich limitiert)
  • Certeg-Bag: tragbare hyperbare Kammer (Simulation eines Abstiegs, Dauer der Therapie ist unklar, vermutlich sind mindestens 1 bis 2 Stunden notwendig)

Medikamentöse Therapie:

  • Senkung des pulmonal-arteriellen Drucks mit Nifedipin 20mg retard 3x täglich.
  • Die orale Gabe von Dexamethason 8mg ist nicht schädlich, allerdings ist unklar, ob es im manifesten HAPE wirksam ist.

FAZIT:

Entscheidendes Merkmal des HAPE ist der überschießende pulmonal-arterielle Druck. Leitsymptom des beginnenden HAPE sind eine verminderte Belastbarkeit und Husten. Die effektivste Massnahme zur Vermeidung des HAPE ist der langsame Aufstieg und geringe körperliche Belastung in den ersten 3 bis 5 Tagen auf neuer Höhe. Die wichtigsten Therapiemassnahmen (in dieser Reihenfolge) beim HAPE sind der Abstieg, die Gabe von Sauerstoff, die Anwendung eines Überdrucksacks sowie medikamentös die Gabe von Nifedipin 20mg ret. (evtl. Sildenafil 50mg).

HACE (Höhenhirnödem)

Das Höhenhirnödem ist die wichtigste Form der schweren Höhenkrankheit! Es tritt völlig unabhängig von AMS auf und stellt eine lebensbedrohliche krankhafte Gehirnveränderung dar, wobei der Tod innerhalb von wenigen Stunden eintreten kann. Das HACE tritt üblicherweise in grösseren Höhen auf als AMS oder HAPE und wird heute nicht mehr als Endstadium der AMS angesehen.

Leitsymptom des HACE:

Ataxie (= Entwicklung von Gang- und Stehunsicherheiten)

Zusatzsymptome des HACE:

  • Bewusstseinsstörungen
  • Schwerste, schmerzmittelresistente Kopfschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schwindelzustände
  • Halluzinationen
  • Lichtscheue, Sehstörungen
  • Vernunftwidriges Verhalten
  • Neurologische Ausfälle (Halbseitige Lähmungserscheinungen, Nackensteifigkeit, Augenmuskellähmungen)
  • Subfebrile Temperaturen
  • Koma
  • 24 Stunden Urinmenge unter 0,5 Liter

Vorbeugung des Höhenhirnödems:

  • Nicht zu schnell zu Hoch!
  • Keine anaeroben Anstrengungen
  • Möglichst tief Schlafen.

Diese Anpassungsstrategien sind Empfehlungen, die nicht universell anwendbar sind. Die Reaktionen des menschlichen Organismus auf die Erniedrigung des Umgebungsluftdrucks in grösseren Höhen mit der daraus resultierenden Hypoxie (= Minderversorgung des Körpers oder einzelner Körperabschnitte mit Sauerstoff) sind individuell verschieden. Derzeit existieren zwei Medikamente, um die individuelle Höhenanpassung zu unterstützen:

  • Acetazolamid
  • Dexamethason.

Über die Anwendung und Dosierung sollte man sich vor Antritt einer Trekking- oder Expeditionsreise in höhere Lagen eingehend von einem Arzt bzw. Höhenmediziner beraten lassen.

Notfalltherapie des HACE:

  • Der frühzeitige, rasche Abtransport ist bei Verdacht auf HACE das Mittel der Wahl und kann durch keine andere Maßnahme ersetzt werden!
  • Unterstützend während des Abtransports, falls vorhanden, Flaschensauerstoffatmung und/oder Überdruckbehandlung (Certeg-Bag)

Der rasche Abtransport bei HACE unter 2500m stellt wahrscheinlich die einzige lebensrettende Maßnahme dar und hat daher absolute Priorität! Ein Abstieg aus eigener Kraft ist bei HACE höchst riskant und sollte unbedingt vermieden werden!

Medikamentöse Therapie des HACE:

  • Dexamethason als Mittel der Wahl (zusätzlich zu Abtransport, Sauerstoff und Überdrucksack)
  • Dexamethason-Dosierung: Initial oral oder besser intravenös / intramuskulär 8mg, dann weiter alle 6 Stunden 4mg

FAZIT:

HACE hat klinisch „viele Gesichter“ und verläuft häufig tödlich. Daher muss man bei jeder schweren, unklaren Gesundheitsstörung in grossen und extremen Höhen primär an ein HACE denken, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist!

CAVE:

O.g. Medikamente dürfen nur von einem Arzt angeordnet werden. Daher ist es vor Antritt einer Reise unumgänglich, sich ärztlich untersuchen und beraten zu lassen!

Quellennachweis

Buch:

Alpin- und Höhenmedizin

F. Berghold – H. Brugger – M. Burtscher – W. Domej – B. Durrer – R. Fischer – P. Paal – W. Schaffert – W. Schobersberger – G. Sumann

Wallgau, 21.07.2019 Alex Robl

Bearbeitet und telefonisch besprochen mit Dr. Steffi Bolland am 06.08.2019