Gruppenfoto am Gipfel

Skitouren im anatolischen Hochland – einfach mal „Hadi gidelim statt Holareidulijö…“

Ein Reisebericht von Stefan Wolf

Alpine Aktivitäten und die Alpen – das war für mich bislang eine unverrückbare Einheit – gesetzt sozusagen. Ja gut, es gibt natürlich Menschen, die sich fernab in Südamerika oder Nepal expeditionsmäßig austoben. Mit allen was dazugehört: Lange Anreise, Akklimatisierung, sehr hohe Gipfel, etc. – aber das ist ja nochmal ein anderes Kapitel und eher nix für mich! Da erschien mir, als Gelegenheitsskitourler, das Angebot des DAV Summit Club in der Ost-Türkei eine attraktive Alternative das gewohnte Terrain einmal zu verlassen und eine etwas andere Bergluft zu schnuppern. Zumal ich vor 40 Jahren, als Student per Rucksack und Bus die Türkei bereisend, genau diese beeindruckende Gegend am riesigen Van-See bereits einmal erkundet hatte – war für mich jetzt also quasi ein Déjà-vu. Ähnlich ging es auch ein paar der neun Mitreisenden, die ich am Istanbuler Flughafen traf. Zwei hatten Anatolien vor Jahrzehnten per Motorrad auf dem Weg nach Indien durchquert, und einer – unser Senior Walter, 86 Jahre – war mit seiner Frau in den 80-er Jahren schonmal dort.

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Erstes Zusammentreffen der Gruppe also in Istanbul. Die einen aus Wien, die anderen aus München und ich aus Frankfurt. Weiter ging‘s per Inlandsflug nach Van, Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz. Die Großstadt liegt am Ostufer des Vansees, nahe der iranisch-türkischen Grenze. Vom Hotel haben wir einen spektakulären Blick über den türkisblauen See mit stark alkalischem Wasser auf einer Höhe von 1.700m. Die Wasserfläche dieses riesigen Steppensees ist etwa sieben mal so groß wie der Bodensee und wird von bis zu 4.000m hohen Vulkanen und Bergen umgeben.

Der erste Tag, wie üblich bei solchen Touren, dient dem gegenseitigen Kennenlernen – der Teilnehmer sowie der Bergführer. Hier ist zu nennen Axel, aus Innsbruck, der bereits im Flugzeug mit uns saß. Dazu stießen noch Jaroslav, aus Kirgisien, wohnhaft in Istanbul und Kabo aus Erzurum, ebenfalls Begleiter und mit 22 Jahren der Jüngste in unserer Runde. Die beiden Letztgenannten sprachen perfektes Türkisch – ein unschätzbarer Vorteil, wie wir in dieser wenig anglophil orientierten Gegend mehrfach erleben durften. Nach dem Kennenlernen ging es dann auf die Van-Insel Akdamar. Hier steht eine armenische Kirche aus dem 10. Jahrhundert. Neben den Grenzen zum Iran und Irak, so ist auch der nahe armenische Grenzverlauf eine wichtige historische und politische Bezugsgröße in dieser Gegend.

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Am zweiten Tag wurde es dann aber sportlich-alpin. Nach einem beeindruckenden Frühstück – ich hab noch nie so viel Variationen von Schafs- und Ziegenkäse auf einem Buffet gesehen – fuhr uns Fahrer Mehmet im Kleinbus zum Gücari Dağı, 3.347m (Dağı = Berg), unsere Eingehtour. Und wir lernten gleich mal, wie das hier von statten geht: Von der Landstraße abbiegen, die Nebenstraße ist noch Asphalt, aber viele Löcher, dann weiter auf Schotter und Erde, bis Steilheit und Untergrund kein Weiterfahren mehr möglich machen. Dann aussteigen – bestenfalls ist man jetzt auf ca. 2.200m, der Schneegrenze hier im April. Meistens folgt aber noch eine Tragepassage, bis dann bei den ersten Schneelinsen angeschnallt werden kann.

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Jetzt aber: Hadi gidelim – Let‘s go, wie wir von unseren türkischen Bergführern lernten. Heute war aber bereits nach 900 Hm wetter- und lawinentechnisch Schluss, und wir cruisten im angenehmen 10 cm Sulz, aber obenrum Regen, zurück zum Fahrzeug. Erkenntnis des Tages: Gruppe harmoniert in Aufstieg und Abfahrt sehr gut …. und saudreckige Skistiefel – die werden wir wohl hier nicht das letzte Mal bekommen haben. Mit dem Transporter-Bus umrunden wir anschließend den nord-östlichen Teil des Sees und machen dann Quartier in Erciş, einem Städtchen nahe bei unserem morgigen Tagesziel dem Mount Süphan.

Die Zeit vor dem Abendessen versüßen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes mit türkischen Leckereien, insbesondere Baklava. Unsere entsprechend zurechtgestotterte und -gestikulierte Bestellung im Café wurde vom Personal eher als humoristische Einlage verstanden und hatte zur Folge, dass sich die ganze Bäckersfamilie spontan zu uns setzte - und zu Tee und Kuchen einlud. Die Cousine war praktischerweise Englischlehrerin, fungierte als Dolmetscherin und wir hatten alle zusammen einen sehr herzlichen und netten Austausch.

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Am nächsten Morgen 4 Uhr Frühstück, 5 Uhr Abfahrt zum Süphan, mit 4.058m Vierthöchster in der Türkei. Der erloschene Vulkan überragt die ganze Umgebung und ist für einen schönen Ausblick über die östlichen Gebirgsketten des Taurusgebirges und den Oberlauf des Euphrat bekannt. Im Umkreis von 200 km wird seine Höhe nur vom Ararat (5137 m) übertroffen, der an der Grenze zu Armenien liegt. Während der gesamten Besteigung hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Vansee. Der Aufstieg war durchweg moderat, Spitzkehren waren keine nötig. Oben steilte es dann aber auf und es hatte zudem viel Neuschnee, so dass wir ein Skidepot machten und die letzten 150 Hm zu Fuß gingen. Am Gipfel herrschte heftiger Wind und Null-Sicht, d.h. direkter Abstieg war angesagt. Es folgte eine epische Abfahrt über 1.800 Hm bei recht passablen Schneebedingungen.

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Abends nach dem Essen dann die finale Beratung in der Gruppe: Geht der Ararat - oder nicht? Starker Wind war vorhergesagt, so dass es wohl spätestens nach der Übernachtung im Basecamp auf 3.300m sehr ungemütlich - und auf 5.000m ggf. auch kritisch werden könnte. Zudem hatte es an den Vortagen nochmals heftig geschneit. Wir waren hin- und hergerissen – wegen des Ararats waren wir ja hauptsächlich hergekommen. Aber jeder von uns hat auch jahrelange Bergerfahrung und weiß, gegen die Launen der Natur ist man halt machtlos. So siegte die Vernunft - und wir nahmen den Vorschlag unserer Bergführer an, statt dem Ararat an den verbleibenden drei Tagen etwas kleinere „Gipfelbrötchen“ zu backen: den Zor Dağı (3.205m), den Akça Dağı (2.850m) und als Highlight am letzten Tag den Artos Dağı (3.550m) – letzterer wieder mit sensationeller Vogelperspektive auf den Van-See und auf die Anfang der Woche besichtigte Insel Akdamar. Aufstieg durchweg mit Harscheisen, aber die Aprilsonne zeigte Wirkung und so ging es gegen Mittag runterwärts wieder im Traumfirn.

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Ein Highlight der körperlich-seelischen Entspannung auf Türkisch ließen wir uns bereits tags zuvor angedeihen: Besuch in einem echten Hamam! Unsere türkischen Guides zeigen auch hier eine profunde Expertise und lotsten uns in ein sehr authentisches, weil nicht touristisches Etablissement - wo sich uns der durchtrainierte Masseur und professioneller Abseifer mit leicht sadistischem Lächeln einen nach dem anderen vorknöpfte. Aua…. aber Balsam für Seele und Körper. Anschließende Tiefentspannung im Loungebereich bei Çay und Ayran. Flughafentransfer, Rückflüge und Gepäckbeförderung verliefen wieder planmäßig - und wir konnten nach neun kulturell und sportlich höchst abwechslungsreichen Tagen ein sehr positives Fazit ziehen. Unser herzlicher Dank geht an die Begleitmannschaft, insbesondere an die Bergführer für die gute, umsichtige und sehr sympathische Betreuung.

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