Auf Steilen Klettersteigen In Atemberaubender Felslandschaft

Auf Steilen Klettersteigen In Atemberaubender Felslandschaft

Mit DAV-Summit-Club und WWF unterwegs im Kaisergebirge der Nördlichen Kalkalpen

Meines Wissens erstmalig hatten WWF und DAV-Summit-Club gemeinsam zu einer viertägigen Exkursion zum Thema „Habitat Fels“ eingeladen. Auf diesen Lebensraum spezialisierte Pflanzen und Tiere sollten wir kennen lernen.  In den ersten Septembertagen 2021, von bestem Spätsommerwetter begünstigt, startete unsere siebenköpfige Gruppe (vier Frauen, drei Männer) in Durchholzen (691m) am Westrand des Kössener Beckens unweit des Walchsees (Tirol). Ausgerüstet für schwieriges Gelände folgten wir frohen Mutes unserem Bergführer Christian Achrainer ins Weißenbachtal, um später über den Klettersteig in der Südflanke des Zahmen Kaisers die Pyramidenspitze (1997m) zu erklimmen.

Wiesen des unteren Talabschnittes begleiteten uns hinauf auf die Weiden um die „Hochalm“. Ein lichter Bergwald aus Rotfichten, Weißtannen und Lärchen bildete zunächst die Kulisse. Ein Schwarzspecht ließ seinen charakteristischen Ruf erschallen. Von Christian erfuhren wir, dass eine Tinktur aus abgeschabter Weidenrinde eine ähnliche Wirkung entfaltet wie Aspirin. Den Saft des Roten Holunders solle man nur in geringen Mengen dem Schwarzen Holundersaft zugeben, da er in größeren Anteilen seifig schmeckt. Ebereschen und Bergahorne mischten sich in die Nadelholzbestände. Eine üppige Hochstauden-Flora aus Wiesenbärenklau, Grauem Alpendost und Langstieligen Enzian –er war bereits verblüht- säumte unseren Pfad. In feuchten Mulden der Almweiden wuchsen auch Seidelbast und Wollgrasflocken. Dort, wo die Fichten und Tannen dichter standen, gedieh an feuchten Böschungen der Tannenbärlapp. Erste Gämsen zeigten sich in gehöriger Fluchtdistanz. Je höher wir stiegen, umso dominanter wurden Latschenkiefern. Silberdisteln duckten sich in die Kraut-Flora. Die zierlichen weißen Blüten des Augentrosts leuchteten all überall. Wie der Name besagt, wirkt ein Blütenaufguss lindernd auf Augenentzündungen. Häufig sahen wir jetzt auch die violetten Blütenstände des Deutschen Enzians.

Nach kurzer Rast auf etwa 1600m legten wir unsere Kletterausrüstung an und nahmen den durchaus anspruchsvollen Klettersteig zur Pyramidenspitze in Angriff. Der Ausblick vom Gipfel hinab in die Walchsee-Region, flankiert von schroffen Wänden des Wettersteinkalkes entschädigte uns für die Mühsal. Nach Südosten zeigten sich die Loferer- und Leoganger-Steinberge, letztere mit Schnee der letzten Kaltfront in den Gipfellagen.  Auf einen von „Karren“ geprägten Pfad ging es hinunter ins Kaisertal. Diese tiefen Rillen im Kalkstein sind typische Karstphänomene und entstehen über längere Zeiträume durch Lösung des Kalksteins infolge des Einwirkens von Regen und Schmelzwasser. Bevor wir den Pfandlhof, unsere Unterkunft für die erste Nacht, ansteuerten, kehrten wir in der Vorderkaiserfelden-Hütte ein, um den ersten großen Durst zu löschen. 

Der lauschig im Kaisertal gelegene Pfandlhof bot uns später ein vorzügliches Nachtlager und darüber hinaus alles was Leib und Seele begehrten. Wir waren die einzigen Gäste und erfreuten uns der besonders innigen Zuwendung der Wirtsleute.

Tags darauf wanderten wir vom Pfandlhof das Kaisertal hinunter bis an die Peripherie Kufsteins. Erstes Ziel war oberhalb des wild schäumenden Kaiserbaches die etwa 40m tiefe, am Eingang hallenartig sich über uns wölbende Tischoferhöhle. In einer kleinen Kaverne wenige Meter vor der Haupthöhle waren spätbronzezeitliche (ca. 3800 Jahre vor heute) Kupferartefakte gefunden worden, die offensichtlich metallurgische Verfahrensweisen des Mittleren Reiches Altägyptens und der frühminoischen Kultur Kretas zur Grundlage hatten. In der Haupthöhle fanden sich frühpaläolithische Gesteinsartefakte des Aurignacien aus der Zeit vor 38.000 Jahren. Knochenfunde des Höhlenbären, Höhlenlöwen und der Höhlenhyäne dieser Zeit zeigen, dass die Höhle auch von eiszeitlichen Raubtieren aufgesucht worden ist, deutlich vor der Zeit des Höchststandes der letzten Eiszeit (Würm-Glazial), der etwa zwischen 25.000 und 18.000 Jahren vor unserer Zeit anzusetzen ist.  Alle Funde seien - so Christian - im Museum der Feste Kufstein zu besichtigen.

Um Zeit zu sparen, gönnten wir uns anschließend eine kontemplative Sessellift-Fahrt durch dichten Bergmischwald hinauf zum Brentenjoch (1272m). Von dort ging es über Almmatten und lichte Koniferen-Bestände hinauf zum Gamskogel (1476m). Eine stattliche Blindschleiche wand sich flüchtig über unseren Pfad. Oben ließen wir uns zu einer Brotzeit nieder. Christian erzählte angesichts von entsprechenden Pilzfunden, dass der „Brätling“ ein von Hirten geschätzter Speisepilz sei, der auf von der Sonne aufgeheiztem Gestein schnell zum Verzehr bereit ist. Der nicht endend wollende „Bettlersteig“ führte uns am Nachmittag über teilweise steile Treppen tief hinab zum Anton-Karg-Haus (829m). Entlang des Pfades erfreute das strahlende Dunkelblau des Schwalbenwurz-Enzians stets aufs Neue unsere Augen. Der Ruf des Buntspechtes war in von Buchen dominierten Bereichen des Bergwaldes zu hören.

Auf Lichtungen zeigte sich eine vielfältige Hochstauden-Flora u.a. mit Alpen-Kreuzkraut, Stacheliger Kratzdistel, Alpendost oder Johanniskraut. An umgestürzten Bäumen hatten sich als Destruenten zahlreiche Baumpilze angesiedelt.

Nach Erreichen des Anton-Karg-Hauses, unserer zweiten Herberge,  ließen wir uns in der warmen Spätnachmittagssonne zum Umtrunk nieder, ließen uns jedoch auch den von unseren Expertinnen mit 2+ bewerteten Kaiserschmarrn munden. Später stellten wir während des Abendessens fest, dass die Hütte mit ihren 90 Schlafplätzen wohl ausgebucht war. Die Vorstellung des Programms unseres dritten Exkursionstages weckte keinerlei Gelüste, länger als unbedingt nötig in der Gaststube zu verweilen: Erneut 1300m Aufstieg und anspruchsvolle Klettersteige! Wichtig für die meisten von uns war, dass wir Quellen passieren würden, um die Trinkflaschen auffüllen zu können. Der regenreiche Sommer hatte den Quellen trotz Versickerungen im verkarsteten Untergrund ein hinreichendes Wasserpotenzial beschert.

Nach dem Aufbruch vom Anton-Karg-Haus am frühen Morgen führte unser Aufstiegspfad zunächst durch lichten Hochwald, dominiert von Fichten und Lärchen. Das Hans-Berger-Haus links liegen lassend, wurde der Wald bald von Hochstauden – Flora und Latschenbeständen abgelöst. Die sich bergwärts anschließende Niederflur-Flora war geprägt von jetzt im September keine Blüten mehr tragenden Alpenrosen. Die Behaarte Alpenrose – auch als Almenrausch geläufig- besitzt fein behaarte Blätter und ist charakteristisch für kalkiges Substrat auf trockenen, steinigen Hängen. Vergesellschaftet war sie mit der rote Früchte tragenden Bärentraube und dem noch in Blüte stehenden Alpenlöwenmäulchen. Diese Pflanzengesellschaft war also genau auf das Terrain spezialisiert, durch das wir bei zunehmend steiler werdendem Pfad aufstiegen. An einem großen Block direkt am Weg wies uns Christian auf die für Kalkgestein typische orangene Krustenflechte hin. 

Die gelbe Landkartenflechte ist hingegen charakteristisch für silikatisches Kristallingestein, beispielsweise Granit oder Gneis. Wir konnten auch ein Exemplar des Großblättrigen Enzians bewundern, der normalerweise bereits im August verblüht. Diese Enzian-Art bevorzugt kalkreiche Böden. Eine andere Charakterblume für Kalkgestein und Dolomit ist das Edelweiß. Während unserer gesamten Exkursion sahen wir indessen kein einziges Exemplar!

Der Scharlinger Boden zu unserer Rechten bescherte uns jetzt den Anblick zahlreicher Gämsen. Die zum Teil Kitze führenden Gaißen tolerierten uns überraschender Weise. Ein Muttertier ließ sogar ihr Junges trinken. Offensichtlich bewegten wir uns noch außerhalb der Fluchtdistanz. Nach Durchstieg steiler, instabiler (zwei Schritte vor, einer zurück) Schutthalden hieß es erneut Kletterausrüstung anlegen, den vor uns lag der zum Teil ausgesetzte Klettersteig zur Rote-Ring-Scharte (2171m), eine besondere Herausforderung, da stets mit Steinschlag zu rechnen war. Bei der Suche nach sicherem Tritt und Griff mussten wir zwangsläufig die himmelblaue Zierliche Glockenblume bewundern, die selbst in schmalsten Felsspalten wurzelte und ihr Auskommen fand. Schließlich nach Erreichen der Scharte sahen wir weit unter uns die Gruttenhütte auf einem sonnigen grünen Hangsporn liegen.

Doch mussten wir zunächst weiter am Seil steil aufwärts, um den Klettersteig zu erreichen, der von der Ellmauer Halt zum Gamsanger-Steig führte. Die örtlichen Wegewarte hatten eine gesicherte Stahlkrampen-Leiter im Fels verankert, die den Übergang in die südwärts exponierten Schroffen ermöglichte. Über eine Sprossenleiter ging es zu einem Abschnitt mit uns vertrauter Stahlseilsicherung. Unsere Kletterroute führte jetzt steil hinunter. Irgendwann hatte auch der Gamsanger-Steig ein Ende, und ein steiniger Pfad führte uns zu einer Blockhalde. Nach deren Passage stiegen wir querfeldein auf ein Gras bewachsene Köpfle, an dem wir die bisher sehnlichst vermissten Murmeltiere vermuteten. Ein schriller Warnpfiff bezeugte auch schnell die Anwesenheit der flinken Großnager. Ein adultes Tier verschwand schnell in seinem Bau. Doch bald machte es sich ein noch unerfahrenes Jungtier auf einer kleinen Felsplatte unter uns gemütlich, allerdings in sicherer Entfernung, so dass gute Fotos unmöglich waren. Zwischen größeren Kalkblöcken zeigten sich plötzlich auch zwei Gämsen. Mit sicherem Instinkt entzogen sie sich schnell wieder unseren Blicken.

Die letzten Meter hinunter zur Gruttenhütte ließen die Vorfreude auf einen kühlen, prickelnden Trunk erwachen. Auf der Terrasse, mit Blick auf die Kitzbüheler Alpen und die Schnee bedeckten Gipfel der Hohen Tauern, fanden wir schnell ein Plätzchen.  -  Die klare Ansage einer jungen Frau vom Hüttenpersonal ließ später keine Zweifel aufkommen, wie es um die Hüttenordnung stand. Innovativ war, dass alle Ausrüstungsgegenstände, die im Schlafraum benötigt wurden, vorab 30 Sekunden in die Mikrowelle mussten, damit keine Imagines, Puppen oder Eier der Bettwanze eingeschleppt würden. Die Hütte war frisch renoviert und zweckmäßig strukturiert. Lediglich die Duschwasserzeit stand in einem „ungesunden“ Verhältnis zu den eingeworfenen Münzen! Ein wiederum vorzügliches Dreigänge-Menu gab die verlorenen Kräfte zurück. Der Lärmpegel und die Ausgelassenheit der Gäste ließen die Corona-Pandemie vergessen.

Der „Jubiläumssteig“ vereinigte sich bald mit zwei ausgetretenen Pfaden, auf denen vom Tal zahlreiche Bergwanderer hinauf zum Ellmauer Tor (2006m) strebten. Unser einsamer Weg war nun zur „Autobahn“ verkommen. Da es Sonntag war suchten viele einheimische Bergfreunde die Nähe der berühmten steilen Kletterwände des Wilden Kaisers. Über Schuttflächen eines breiten Kars ging es jetzt zügig hinauf zum Ellmauer Tor. Unsere Rast auf diesem Joch bot prächtig Gelegenheit, die Kletterrouten durch die „Fleischbank“ zur Linken und die Aufstiegsrouten zur Goinger Halt rechter Hand mit den Augen zu erkunden. Einige freche Bergdohlen animierten uns, sie mit kleinen Bröckchen unserer Brote zu verwöhnen. Unter Hinweis auf einige Seilschaften in den Wänden der „Fleischbank“ berichtete Christian über eigene Erlebnisse und erläuterte die Schwierigkeitsgrade dieses Kletterer-Eldorados. Vor uns lag indessen ebenfalls eine höchst anspruchsvolle Kletterei über die „Steinerne Rinne“ und den „Egger Steig“ hinunter ins Kaiserbachtal.

Was haben wir unterwegs vermisst, was hat uns enttäuscht? - Eine höhere Insektendiversität mit größerem Individuenreichtum, da die zahlreichen Spätblüher der alpinen Flora eine vorzügliche Basis für das Sammeln von Nektar boten. – Die geringe Anzahl von Murmeltieren, die eigentlich Anfang September hochaktiv sein sollten, ihre Wintervorräte anzulegen. – Die Sichtung keines einzigen Greifvogels. – Mit der Beobachtung von Auerwild, Schnee- und Steinhühnern war vor den Hintergrund der hervorragenden Tarnung dieser Raufußhühner nicht zu rechnen. Hinweise auf ihre Lebensräume während der Wanderung wären möglich gewesen. -  Wie der Stand der Dinge ist bezüglich der Wiedereinbürgerung von Steinwild, Bartgeier, Luchs und Wolf. – Die Darlegung von Räuber-Beute-Beziehungen und die Beeinflussung der Populationsgrößen durch abiotische oder biotische Faktoren. – Die Darlegung von speziellen Nahrungsabhängigkeiten vor dem Hintergrund des extremen Lebensraumes „Habitat Fels“.

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