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Gelassen am Abgrund

Endlich wieder unbeschwert wandern: Beim Kurs des DAV Summit Clubs lernen Betroffene Strategien im Umgang mit Höhenangst.

Text: Franziska Haack

Es scheint ein gemütlicher Start in die Tourentage auf der Albert-Link-Hütte zu sein – aber der Schein täuscht. Nach einer ausgiebigen Vorstellungsrunde geht es zu einem Wiesenhang in Hüttennähe. »Ideales Übungsgelände«, sagt Tourenleiterin Anja Pinzel. Und sie erwähnt auch, dass die Teilnehmer gleich einen verbreiteten Fehler gemacht haben: Sie sind nämlich doch zu schnell losgelaufen. »Wären wir mehrere Stunden unterwegs, hätten die meisten das Tempo nicht oder nur mit Mühe halten können. Das verursacht Stress. Und der kann Höhenangst verstärken.« »Wege zur Überwindung der Höhenangst « heißt der viertägige Kurs des DAV Summit Clubs am Spitzingsee. Mentaltrainerin Anja Pinzel wird uns Strategien an die Hand geben, um trotz Höhenangst auch auf ausgesetzteren Wegen zu wandern – und erklärt erstmal die etwas irreführenden Begrifflichkeiten: »Höhenangst ist die Angst davor, in die Tiefe zu stürzen. Also etwas Natürliches und zu einem gewissen Grade Sinnvolles, da sie uns vor Gefahr warnt«, führt sie aus. »Mitunter tritt die sogenannte Akrophobie in Kombination mit Höhenschwindel auf. Der entsteht, wenn die Augen keinen Bezugspunkt mehr haben, etwa wenn es neben einem plötzlich steil nach unten geht.« In der Folge fühlen sich manche Menschen unwohl oder beginnen sogar zu schwanken, selbst auf einem breiten Weg – eine unangenehme Situation, die die Angst verstärkt. Das Gute: »Wenn wir auf uns achten, können wir die Signale früher wahrnehmen und gegensteuern.« Daher ist es wichtig, sich gut um sich zu kümmern: genug essen und trinken und nicht zu schnell loslaufen. Denn zu schneller Herzschlag und flache Atmung begünstigen Panik.

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Auf der teils steilen und felsdurchsetzten Wiese geht es also los mit Trittschulung. »Wenn auf gerölligem und rutschigem Untergrund Unsicherheit aufkommt, kann es helfen, ein zuvor gefundenes Bild aufzurufen, beispielsweise das von John Wayne und seinem breiten, sicheren Cowboy- Gang, den man dann imitiert«, sagt Anja Pinzel. »Gebt euch selbst kurze, prägnante Anweisungen: Ruhig! Brustbein raus! John Wayne! Aber Achtung: Anweisungen mit nicht kann das Gehirn nicht verarbeiten.« Es hört nur zurücklehnen statt nicht zurücklehnen. Also besser: Vorlehnen! Abends tauschen sich die Teilnehmerinnen über ihre »Probleme« aus. Der klassische Blick in den Abgrund ist dabei, eine generelle Unsicherheit nach einem Sturz und Blockaden bei Brücken. In der Gruppe gibt es einen deutlichen Frauenüberschuss. Das sei meistens so, sagt Anja Pinzel und hat zwei mögliche Erklärungen: »Hormonumstellungen nach einer Geburt oder in den Wechseljahren können Ängste begünstigen. Und Männer scheinen so etwas seltener zuzugeben, sie vermeiden entsprechende Aktivitäten dann einfach.« Generell können Stress und Probleme im Alltag die Höhenangst verstärken.

Für den nächsten Tag hat Anja Pinzel die Tour zur Bodenschneid geplant. Aber die Trainerin betont: Der Gipfel gibt nur die Richtung vor. »Wenn der Gipfel das einzige Ziel ist, ist Enttäuschung wahrscheinlicher. Besser setzt man sich realistische Handlungs- und Etappenziele. Auch ein Tag ohne Gipfelkreuz kann ein Erfolg sein.

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Schnipsen & singen

Der Beginn der Tour auf Forst- und breiten Wanderwegen ist ideal, um das eigene Tempo zu finden und auf die Atmung zu achten. »Im Idealfall kann man durch die Nase atmen.« Am Aussichtspunkt Suttenstein gibt es die erste Übung. Nacheinander treten alle an die Geländekante und wagen einen Blick in die Tiefe. Langsam, bei jedem Versuch einen Schritt weiter. Gegen die Angst sollen die Teilnehmer die Aufmerksamkeit umlenken, etwa durch Schnipsen mit der schlechten Hand oder Singen. »Wer singt hat noch Luft.« Auch Duft könne helfen, insbesondere Lavendel- und Kiefernnadelöl aufs Handgelenk aufgetragen. Und tatsächlich, die Gruppe kommt der Kante viel näher, als sie gedacht hätten. Am Gipfelgrat wollen die Teilnehmer den Höhenschwindel aktiv provozieren. Die wegen des aufziehenden Nebels schlechte Sicht hilft dabei. Sie stellen sich mit genug Sicherheitsreserve an den Abgrund, schauen geradeaus und probieren aus, was passiert, wenn sie sich mit den Händen ihr Blickfeld verengen. Tatsächlich kommt schnell ein Schwindelgefühl auf. Wer zu schwanken beginnt, tritt einen Schritt zurück und geht in die Hocke. »Treten Höhenschwindel und -angst auf, hilft es, sich auf die Füße der Person vor einem zu konzentrieren – Stichwort Aufmerksamkeitssteuerung – und bewusst zu atmen«, rät Pinzel. Im Gänsemarsch mit auf den Boden gerichteten Blicken geht es weiter zum Gipfel der Bodenschneid, wo eine weitere Klippe wartet. Mit einem mittlerweile gut gefüllten »Werkzeugkoffer« tastet sich die Gruppe heran. Und tatsächlich alle wachsen über sich hinaus und treten schnipsend oder singend an den Abgrund.

Auf die Atmung achten

Abends im Seminarraum fasst Anja Pinzel nochmal zusammen, wie alles bislang Geübte zusammen gehört. »Das Motorische, die Aufmerksamkeit und die Atmung hängen zusammen. Das ist die sogenannte innere Triade. Gehe ich zu schnell, gerate ich außer Atem, verliere meine Trittsicherheit, bekomme Angst.« Die Atmung ist deswegen auch ein elementarer Bestandteil der Strategie gegen die Höhenangst. Wer aufmerksam unterwegs ist, kann Anzeichen früh erkennen und sich aus der Situation herausnehmen, stehen bleiben und den Atem beruhigen, eine aufrechte Haltung einnehmen und sich die zuvor überlegte Anweisung geben. Mitunter könne es auch helfen, den Tourenpartnern zu sagen, an was sie einen in einer kritischen Situation erinnern sollen. Etwa »Schau auf meine Füße!« Die nächsten beiden Tage arbeitet die Gruppe auf weiteren Touren daran, das Gelernte zu verinnerlichen und anzuwenden. Dazu gehört auch umzudrehen, wenn die Situation nicht mehr passt. Für solche Fälle hat Anja Pinzel ein kleines Gipfelkreuz samt Büchlein dabei, um den Höhepunkt jeder Tour feiern zu können, auch wenn die Bergspitze noch nicht erreicht ist. Im Tal gibt es noch ein paar persönliche Höhepunkte beim Balancieren über einen Staudamm. Keinen Meter breit, dafür geht es auf beiden Seiten mehrere Meter hinunter. Sind es bei einigen beim ersten Versuch nur ein paar Schritte in Begleitung, gelingt ihnen am Ende die ganze Überquerung allein. Jubel und Glückwünsche in der Gruppe – und sogar ein paar Freudentränen.

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