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Fünf Sommer, eine große Reise: Utes Weg über die Grande Traversata delle Alpi

Ein Interview mit DAV Summit Club Kundin Ute D'Avis

Fünf Jahre. Fünf Etappen. Unzählige Höhenmeter – und am Ende das Mittelmeer. Ute D’Avis hat sich mit dem DAV Summit Club einen lang gehegten Traum erfüllt und die Grande Traversata delle Alpi, kurz GTA, durch das italienische Piemont erwandert. Was geblieben ist, sind Erinnerungen an wilde Berglandschaften, herzliche Begegnungen, große Herausforderungen – und ein ganz besonderes Gefühl von Freiheit.

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Als Ute D’Avis zum ersten Mal von der Grande Traversata delle Alpi liest, ist ihre Neugier sofort geweckt. In einer Zeitung stößt die leidenschaftliche Bergwanderin auf einen Bericht über diesen außergewöhnlichen Weitwanderweg durch das Piemont. Das ist rund zehn Jahre her. Doch ein Gedanke bleibt: Diesen Weg möchte sie einmal selbst gehen. Besonders die Idee hinter der GTA hatte es ihr angetan: Der Weg führt nicht nur durch eine außergewöhnliche Berglandschaft, sondern verbindet abgelegene Täler und alte piemontesische Dörfer miteinander. Wandernde übernachten dort, essen in kleinen Alberghi und Refugien und bringen damit Leben und Einkommen in Regionen, die seit Jahrzehnten von Abwanderung geprägt sind.

2022 beginnt ihr großes Projekt. Statt die gesamte GTA am Stück zu gehen, nimmt Ute sich gemeinsam mit dem DAV Summit Club Jahr für Jahr eine weitere Etappe vor. Fünf Sommer lang kehrt sie ins Piemont zurück. Schon bald merkt sie, dass diese Alpenüberquerung anders ist. Während bekannte Routen in den Alpen längst von zahlreichen Wandernden frequentiert werden, erlebt Ute auf der GTA etwas, das selbst sie als erfahrene Berggängerin kaum noch kennt: Einsamkeit.

„Man kann auch mal innehalten und diese Bergwelt einfach genießen.“

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Stundenlang ist die Gruppe unterwegs, ohne anderen Wandernden zu begegnen. Die Wege führen durch wilde Täler, über hohe Pässe und hinein in Dörfer, in denen die Zeit manchmal ein wenig stehen geblieben zu sein scheint. Alte Steinhäuser, kleine Kirchen und jahrhundertealte Walserdörfer säumen den Weg. Gerade diese Ursprünglichkeit wird für Ute zu einem der größten Schätze der GTA.

Und dann sind da die Menschen. Bis heute erinnert sich Ute an einen Abend während der zweiten Etappe. In einem kleinen Dorf wird die Gruppe von mehreren älteren Frauen bekocht. Bis Mitternacht tragen sie immer neue Speisen aus der Küche – am Ende sind es zwölf Gänge. Keine Sterneküche, wie Ute lachend erzählt. Dafür Pasta, regionale Gerichte und eine Gastfreundschaft, die ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Die Frauen servieren das Essen persönlich und sind stolz darauf, ihre Küche und ihre Kultur mit ihren Gästen teilen zu können. Genau in solchen Momenten versteht Ute, was die GTA für diese Region bedeutet: Wandern ist hier auch Begegnung. Immer wieder erlebt die Gruppe diese Herzlichkeit. Nach langen, heißen Wandertagen kommen verschwitzte Gäste in kleinen Unterkünften an, suchen ihre Betten und freuen sich auf das erste kalte Getränk. Und trotzdem werden sie mit Ruhe und großer Gastfreundschaft empfangen.

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Nicht immer komfortabel – und genau das gehört dazu

Wer die GTA geht, sollte allerdings wissen, worauf er oder sie sich einlässt. Luxus ist unterwegs nicht garantiert. Mal gibt es eine Dusche, mal nur ein Waschbecken für alle. Geschlafen wird teilweise im Lager oder in alten Stockbetten. Manche Unterkünfte sind äußerst einfach, Wasser kann knapp sein und tagsüber gibt es über weite Strecken keine Einkehrmöglichkeit. Für Ute gehört genau das zum Erlebnis. Man müsse bereit sein, sich auf die Gegebenheiten einzulassen. Weniger Komfort, dafür mehr Natur und mehr Abenteuer. Am nächsten Morgen wird der Rucksack wieder geschultert – und weiter geht es.

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Wenn aus einer Wanderung ein Abenteuer wird

Dass die GTA eine ernst zu nehmende Bergtour ist, erlebt Ute mehr als einmal. Die Etappen sind lang, häufig kommen mehr als 1.000 Höhenmeter zusammen. Trittsicherheit und eine gute Kondition sind für sie unverzichtbar. Vor allem die dritte Etappe fordert die Gruppe. Ausgesetzte Passagen, Drahtseile und anspruchsvolle Wege verlangen Konzentration. Ein Höhepunkt ist der Aufstieg auf die Rocciamelone. Oben wartet neben einer Marienstatue vor allem eines: ein gewaltiger Blick über die Alpen.

Auch das Wetter zeigt, wie schnell sich die Bedingungen im Gebirge verändern können. Während der zweiten Etappe kündigt sich ein schweres Unwetter an. Die Gruppe startet bereits um fünf Uhr morgens mit Stirnlampen, um rechtzeitig aus den Bergen abzusteigen. Für Ute ist selbst dieser Moment zu einer besonderen Erinnerung geworden: eine schweigende Gruppe in der Dunkelheit, jeder konzentriert auf den nächsten Schritt, während langsam ein neuer Tag beginnt. Als das Unwetter schließlich weitere Wege unmöglich macht, musste die geplante Route geändert werden. Unterkunft, Transport und weiterer Verlauf wurden kurzfristig neu organisiert. Für Ute zeigte sich gerade in solchen Situationen, welchen Unterschied eine organisierte Tour machen kann. Die Bergwanderführer und Bergführer sowie die Partnerinnen und Partner vor Ort sorgten dafür, dass Lösungen gefunden wurden – sei es bei Unwettern, beim Gepäcktransport oder wenn einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Etappe nicht mehr bewältigen konnten.

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Jede der fünf Etappen entwickelt für Ute ihren eigenen Charakter.

Der Auftakt vom Tessin Richtung Ortasee ist ein vergleichsweise sanftes Kennenlernen. Auf der zweiten Etappe bleiben vor allem die malerischen Walserdörfer in Erinnerung. Die dritte wird technisch anspruchsvoller und führt über herausfordernde Bergwege. Doch besonders die vierte Etappe hat es Ute angetan. Hier wird die Landschaft noch wilder und einsamer. Mächtige Felsen bestimmen das Panorama, ursprüngliche Rifugi liegen am Weg und immer wieder begleitet der markante Monviso die Gruppe. Dann öffnet sich das Valle Maira. „Ich kann es nicht in Worte fassen“, sagt Ute über diese Landschaft. Wenn sie sich dennoch für eine Lieblingsetappe entscheiden müsste, wäre es wohl diese vierte: ursprünglich, wild und eindrucksvoll. Die fünfte Etappe verändert noch einmal ihren Charakter. Kleine, kaum touristische Dörfer prägen den Weg. Man übernachtet in einfachen Unterkünften, bekommt am Abend mehrere Gänge serviert und trägt am nächsten Morgen sein Panino für die Mittagspause im Rucksack.

Und langsam rückt etwas näher, das fünf Jahre lang weit entfernt schien: das Meer. Der letzte Wandertag ist heiß. Sehr heiß. Rund 36 Grad zeigt das Thermometer. Die üppige Bergwelt liegt inzwischen hinter der Gruppe, die Landschaft wird trockener, der Schatten rar. Doch irgendwann sehen sie Ventimiglia. Nur noch hinuntersteigen. Nur noch ein paar Schritte. Dann stehen Ute und ihre Mitwandernden am Strand – verschwitzt, staubig und mit ihren Bergschuhen am Mittelmeer. Fünf Sommer liegen hinter ihnen. Sie ziehen die Schuhe aus, machen Fotos und springen ins Wasser.

„Man ist stolz und freut sich, dass man es geschafft hat. Auf der anderen Seite ist man traurig.“

Denn mit dem Erreichen des Ziels endet nicht nur eine Wanderung. Es endet ein Projekt, das über Jahre zum festen Bestandteil des Lebens geworden ist.

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Und was kommt jetzt?

Nach fünf Sommern GTA stellt sich für Ute plötzlich eine überraschend schwierige Frage: Was kann danach kommen? „Das Weitwandern ist so schön“, sagt sie. Dieses Aufbrechen am frühen Morgen, das Unterwegssein von einem Ort zum nächsten und die Möglichkeit, sich Tag für Tag tiefer auf eine Landschaft einzulassen – darauf möchte sie nicht verzichten. Welche Route als Nächstes folgt, weiß sie noch nicht. Korsika? Slowenien? Vielleicht wieder Italien? Der Gran-Paradiso-Nationalpark hat es ihr ebenfalls angetan. Nur eines steht fest: Es soll wieder eine Weitwanderung werden. Und ein bisschen wild darf sie ruhig sein. Denn vielleicht ist genau das die wichtigste Erinnerung, die Ute von fünf Sommern auf der GTA mitnimmt: Große Reisen brauchen nicht immer ferne Kontinente. Manchmal beginnt das Abenteuer nur wenige Stunden entfernt – dort, wo die Wege leerer, die Dörfer kleiner und die Berge wieder ein bisschen stiller werden.

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