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Beobachtungen bei den tibetischen Nepali in den Hochtälern Budhi Gandaki und Dudh Khola von Holger Rohrbach.

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trekking rund um das manaslu-massiv in nepal im oktober 2011

Reisebericht, insbesondere: meine beobachtungen bei den tibetischen nepali in den hochtälern  budhi gandaki und dudh khola

Ich konnte die flugreise vor meinem gewissen nur rechtfertigen, indem ich mir vornahm, die lebensbedingungen der dortigen bevölkerung zu beobachten unter besondere berücksichtigung der auswirkungen des trekking-tourismus.

hier meine fragmentarischen ergebnisse, die keinen anspruch auf wissenschaftliche
exaktheit haben:
   
1.landwirtschaft: wir  kamen zur erntezeit: mais in mittl.lagen bis ca.3500m wurde zum trocknen auf planen u.schilfmatten ausgebreitet. kartoffeln wurden von ganzen dorfgemeinschaften in gruppen u.in höhen bis >4000m geerntet. ebenfalls zuckerrohrähnliche stauden, die auf den dächern der häuser u.mauern zum trocknen ausgelegt wurden (viehfutter?)

2.handwerk - manufaktur: alles geschieht per hand, maschinen werden so gut wie nicht eingesetzt. da alles über tagelange wegstrecken auf dem rücken von mensch u.muli transportiert werden muß, wäre der transport von maschinen zu schwer. nur 1mal sah ich einen e-motor an einer sägerei. bauholz wird vor ort geschlagen, aus den stämmen mit
gr.bandsägen bohlen herausgesägt, daraus bretter etc. Für die neuen lodges, die in jedem ort entstehen, werden steinsockel u. z.t. wände aus grob behauenen granitsteinen gebaut, z.t.verputzt, die o.g.bretter vor ort gehobelt u.verbaut zu plafonds, wänden, decken, fensterrahmen,türen. alles einfach vernageelt. die zimmerleute für diese arbeit kommen offenbar aus den unteren tälern u.leben während der zügigen bauphase vor ort in einfachsten verhältnissen. metallverarbeitung geschieht auf niedrigem niveau für den
hausgebrauch, die tiere kommen ohne hufeisen aus.

3.hauswirtschaft: in den ärmlichsten haushalten (sicher die mehrheit) wird über offenem feuer gekocht, der topf steht dabei auf 3 steinen, die energieausbeute ist katastrophal, die menschen hocken oder sitzen an der feuerstelle. gegessen wird ebenso. in ,gehobenen, haushalten gibt es einfache gußeiserne öfen mit 2 löchern für 2 töpfe, meist ohne ofen-
rohr, der rauchabzug erfolgt +über offene dachluken. in beiden fällen ist kein sicherer stand der töpfe gewährleistet. es kommt daher relativ häufig zu verbrennungen, besonders wenn kids zu nah an die töpfe resp.feuerstellen geraten. auch sind augenreizungen bis hin zu früher erblindung an der tagesordnung (ähnlich wie bei den sami in nordeuropa). hier setzt der verein DIE OFENBAUER an (eine europäisch-nepalesische NGO): er bildet nepali aus, die vor ort für sichere öfen plus ordentlichem rauchabzug sorgen. ein ofen dieser art soll umgerechnet 8 euro kosten (adresse am schluß,wird nachgeholt!).

4.wasser: von höher gelegenen stellen wird wasser aus offenen bächen, seltener quellen in schwarzen plastikschläuchen in die dörfer bzw.haushalte geleitet u.dient mensch, vieh u.gärten als trink- u.brauchwasser. nach u.nach werden wasserhähne installiert. für uns europäer ist dies wasser unabgekocht ungenießbar.

5.abwässer und müll - insgesamt eins der größten probleme: der umgang damit ist wie bei uns vor der aera der großen pest: bestenfalls wird alles über die kante von steilhängen gekippt oder versickert an oder in den feldern. jegliche art von hausmüll wird so auf die einfachste, bequemste art an ort u.stelle liegengelassen bzw. dem fluß übergeben. plastik wird oft bedenkenlos dem  herdffeuer übergeben. am 1.tag unserer wanderung dachte ich anfangs noch, die plastikverpackungen am wegesrand mit lateinischen schriftzeichen (meist importware) stammten von achtlosen touris, aber  sehr schnell war klar, daß bei den einheimischen kein bewußtsein über die folgen dieses tuns herrscht: auf schritt und tritt läuft mensch quasi über chemiemüll. letzten endes wird alles mit den großen flüssen in die ebenen des indischen subkontinents geschwemmt - eine tickende zeitbombe, denn wie viele millionen waschen sich täglich darin u.beziehen ihr trinkwasser daraus! müllsammelaktionen des summit-clubs u.a.reiseveranstalter sind gut gemeint, aber angesichts dessen wirkungslos. wo landet denn das,. was da  aufgesammelt wird ? in ganz nepal gibt es keine müllabfuhr, weder geordnete deponierung noch hochtemperaturverbrennung. der fluß bagmati, der das kathmandu-tal durchfließt, ist eine einzige abwasserkloake. hier helfen wahrscheinlich nur über entwicklungsgelder finanzierte
großinvestionen plus ausbildung einheimischer fachkräfte und multiplikatoren, die der eigenen bevölkerung ein vorbild sein müssen.

6.schule und erziehung: in jedem ort wimmelt es von kids (und hühnern). alte menschen sieht man nur selten (an den grau-weißen haaren erkennbar!). deshalb ist es kein wunder, daß in jedem ort zumindest ein  grundschulgebäude steht. in samdo, dem letzten ort vor dem larkha-paß, auf 3800m höhe, trafen wir auf 26 schüler mit ihrem jungen lehrer. babys werden von den müttern in tragkörben auf dem rücken überallhin mitgetragen.-sobald sie laufen können, lernen sie nach u. nach alle tätigkeiten, die sie später brauchen. sie gehen mit aufs feld, kartoffeln ausgraben (mit einfachsten grabegabeln), hüten die tiere und ihre kleineren geschwister, gewöhnen sich früh an den transport kleiner traglasten (kiepen, die mit einem band über der stirn getragen werden, was die nackenmuskulatur kräftigt u.das gewicht über die gesamte rückenmuskulatur verteilt. später tragen sie bis zum doppelten ihres eigenen körpergewichts !ob die kinder der schulpflicht immer nachkommen, ist sehr fraglich. da die analphabetenrate sehr hoch ist (in ganz nepal offiziell ca.50%, in diesen tälern bestimmt >75%), haben die eltern bestimmt wenig interesse daran,. auf ihre kinder als mithelfende in haushalt und bei der feldarbeit längere zeit zu verzichten. es wird auch sehr an der qualität u. am engagement der lehrer liegen. in einer lokalen,auf englisch verfaßten broschüre heißt es, daß sie selbst in der vergangenheit häufig abwesend waren. ich vermute, weil sie wahrscheinlich zugleich noch bauern waren u. auf einen nebenverdienst angewiesen. aus diesen   gründen werden jetzt internatsschulen (dormitory-schools)
gebaut (mittelpunktschulen, aktuell bei sama auf >3000m). es bleibt für mich offen, wer es sich leisten kann, seine kids dorthin zu schicken, d.h.wie diese schulen und ihr personal finanziert werden. bekannt ist, daß es zahlreiche initiativen von ngos, auf spendenbasis
aus dem westlichen ausland finanzierte schulen gibt. das ist zu begrüßen, könnte aber sicherlich zu einer weiteren differenzierung der bildungschancen und damit einer vertiefung der sozialen unterscheide führen. was sagen die an der regierung beteiligten maoisten dazu ??

7.weiter zur sozialen ausdifferenzierung der bevölkerung durch den
trekking-tourismus: offensichtlich sind die lodge-/hotel-/ restaurant-/ladenbesitzer (meist
in einer familenhand, zumal sich jeder mit schlafpritschen versehene ziegenstall "hotel" schimpft) die 1. nutznießer des wachsenden trekking-tourismus. dazu gesellen sich die pferde- und mulihalter und nicht zuletzt die zahlreich benötigten träger, führer und köche.
im übrigen verdient ein träger bzw.führer beim summit-club das doppelte von dem, was er vom staat bekommt für das tragen von lasten, die dann sogar in der regel wesentlich schwerer sind als die ca.30 kg, die jeder träger für uns geschleppt hat. dafür können sie max.4 touren im jahr mitlaufen (2 im frühjahr u.2 im herbst). das sichert für 1 person einen großteil desbenötigten jahresverdienstes, in der regel müssen sie aber während der monsunzeit sich um einen zusatzverdienst bemühen. auf jeden fall ist der trekking-job für diein  den tälern ansässige männl.bevölkerung lukrativ. ein teil der träger wird mehr u.mehr in den unteren talabschnitten von lkws oder kleinbussen verdrängt. in den tibetischen siedlungsgebieten allerdings werden nach wie vor alle lasten von mensch oder muli geschleppt, da die topographie nichts anderes zuläßt. der tourismus wirkt somit der abwanderung in die slums der städte entgegen (analog zu dem, was in den italienischen westalpen zu beobachten ist, wo zumindest ein teilweiser stop der landflucht durch den
sanften wandertourismus zu v erzeichnen ist).

8.Buddhismus: je weiter wir in das hochtal vorstießen, umso mehr glänzten die zeichen der religiosität, die gompas ("kirchen") mit ihren goldenen spitzen, die stupas und chörten am eingang zu jedem dorf,oftmals im inneren ausgemalt mit bildnissen der bekannten gottheiten,die manimauern mit ihren steinernen bildtafeln, die immer länger u.mächtiger
wurden, je höher wir kamen.so rauher die äußere wirklichkeit, umso mehr steigert sich offenbar das bedürfnis nach religiöser inbrunst. wenn irgendwo eine geburt oder ein todesfall ins haus steht, so wird der örtliche lama gerufen, meist selbst ein bauer odr ein eremit, der in einem primitiven verschlag neben der gompa wohnt, u.führt im hause der angehörigen das zeremoniell durch, mit gebeten u.einfachen opfergaben wie reiskörner und jakbutter(in jedem haushalt ist irgendeine art von altar aufgeba). wir hatten gelegenheit, spontan eine puja mitzuerleben, die der lama, der gerade vor dunkelwerden von der kartoffelernte zurückkam, zelebrierte. ansonsten findet das zentrale zeremoniell in einer gompa 1mal/monat statt,wie uns beim besuch einer weiteren gompa erklärt wurde. die toten werden, wie wir das schon in kathmandu in dem heiligtum pashupatinath am bagmati miterleben konnten, am flußufer aufgebahrt. ihnen werden die füße gewaschen, dann wird der leichnam auf einem holzstoß verbrannt und anschließend die asche dem fluß übergeben. in lagen, wo holz rar u.kostbar ist, so z.b.in tibet, findet die himmelsbestattung statt: der leichnam wird zerstückelt u.den geiern  zum fraß übergeben (eine äußerst
umweltschonende vorgehensweise).

9.eine maßnahme gegen den bevölkerungsüberschuß: nur der erstgeborene wird verheiratet und erbt das land der eltern. die nachfolg.kinder (männl) gehen früh ins kloster u.bleiben dort bis zur pubertät. danach entscheiden sie selbst über ihren weltl. oder kirchl.(klösterl.)werdegang. Poliandrie: frauen lebten früher oft mit mehreren brüdern
zusammen. da sie nur 1mal/jahr schwanger werden können, wirkte das in jedem fall dem ungezügelten bevölkerungswachstum entgegen. heute ist dies sozialgefüge höchstens in abgelegenen gebieten des tibetischen kulturraums anzutreffen. wir sind jedenfalls in 1 nacht zeugen eines heftigen streits um mind.1 frau gewesen, wissen aber nicht, was eigentlich der anlaß war. ! selbstredend will keiner von uns trekking-touristen so leben wie die
tibetischen nepali, aber eins fiel doch auf und wird immer wieder von reisenden bestätigt:
wie selbstbewußt, freundlich und offen die nepali auftreten, frauen wie männer. neugierig, ohne aufdringlich zu wirken, immer zu scherzen aufgelegt, die kids lustig u.ohne scheu u.da,
wo touris sie nicht verdorben haben, auch ohne hang zur bettelei,( was keinesfalls und nirgends zu unterstützen ist, weil sie damit schleichend ihre würde verlieren) - es ist zu hoffen, daß das so bleibt, auch wenn im übrigen die modernisierung vor ihnen n icht halt macht, wie das überall auf der welt, auch bei den amazonas-indianern, nicht aufzuhalten ist. zum beispiel ist heute bis in das letzte dorf  das telefon die wichtigste kommunikationseinrichtung. und die energieversorgung wird mittels kleiner wasserkraftwerke und photovoltaikanlagen sichergestellt.

Dieser bericht kam mit tatkräftiger unterstützung unseres reiseleiters hans obermeier
zustande, dem ich zahlreiche einzelinfos verdanke. vielen dank

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