Wandern in Taiwan: Im Auge des Taifuns

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Bergwanderungen im Reich der Kalligraphie

Der Wendekreis des Krebses verläuft mitten durch die Insel. Die „Großen Winde“, die deutsche Übersetzung für Taifune, entstehen in der Wetterküche des Pazifiks und wandern bei ihrer zerstörerischen Reise westwärts gerne auch über „Formosa“, wo sie die von portugiesischen Seefahrern schon schmeichelnd „die Schöne“ genannte Insel mit elementarer Macht heimsuchen. Nur durch die flache Straße von Taiwan getrennt, liegt das rätselhafte Inselreich exakt an der engsten Stelle 130 Kilometer vor dem chinesischen Festland. Vor „Großchina“ oder „Festlandschina“ oder „Hauptchina“. Die Hauptstadt Taipeh bildet zusammen mit Hongkong und Shanghai ein Dreieck der Metropolen.

Taiwan hat die Form einer Süßkartoffel, ist so groß wie Baden-Württemberg und gehört geologisch zu einer Inselkette, die von Japan bis zu den Philippinen verläuft. Das East Rift Valley als Bruchstelle zwischen eurasischer und philippinischer Platte ist Ausgangspunkt zahlreicher, oft auch kleinerer Erdbeben, die genauso zum Alltag auf Taiwan gehören, wie die Taifune. So wie in Bayern vor Blitzeis oder Starkregen gewarnt wird, so kommt in Taiwan die Taifunwarnung über Radio. Dann bleiben Kindergärten und Schulen geschlossen. Auch Behörden und Geschäfte machen dicht. Man bleibt ein oder zwei Tage Zuhause, hofft, dass sich die Schäden in Grenzen halten und kehrt dann wieder zur Normalität zurück. Alltag auf Taiwan.

Man weiß wenig im Westen von Taiwan, das häufig mit Thailand verwechselt wird. Das sich unglaublich westlich-amerikanisch gebärdet, mit 7/11-Shops in jedem Dorf, mit „Starbuck“ auf jedem Bahnhof; ohne erkennbare Armut, ohne Slums, dafür mit Hightech, Highways und Hochgeschwindigkeitszügen. Und die Frage, ob es sich um einen eigenständigen Staat handelt, ist nicht mit einem klaren „Ja“ oder “Nein“ zu beantworten.

Die Volksrepublik China beruft sich auf die Kairoer Erklärung von 1943, in der die Alliierten die Rückgabe Taiwans nach dem Zweiten Weltkrieg versprachen. Diese Erklärung hat zwar keine völkerrechtliche Bindung, Peking übt über dieses Vehikel aber auf die Staatengemeinschaft bis heute so viel Druck aus, dass derzeit nur 24 Länder Taiwan offiziell anerkennen. Man schätzt, dass 1000 Mittelstreckenraketen von Festlandschina auf Taiwan gerichtet sind, das allerdings im Konfliktfall mit Unterstützung der USA rechnen könnte.

Derzeit ist Entspannung angesagt. Der Reiseverkehr mit Fähren und Flugzeugen zwischen der aufmüpfigen Insel und Festlandschina fließt weitgehend ungehindert, sieht man von der Tatsache ab, dass bei weitem noch nicht jeder Rotchinese von der Volksrepublik einen Reisepass bekommt. Politische Insider und westliche Journalisten wie der BR-Korrespondent Frank Hollmann sehen Anzeichen dafür, dass es für Taiwan eine ähnliche Dauerregelung geben könnte, wie für Hongkong oder Macao: Rückkehr ins große Weltreich China, mit weitreichender Eigenständigkeit. Sogar von einem Straßentunnel ist die Rede.

1937 trug Japan den Zweiten Weltkrieg nach China, ehe der bis heute in Taiwan vergötterte und als Nationalheld verehrte „Generalissimus“ ChiangKaiShek mit Hilfe der Alliierten Nippon Anfang September 1945 zur Kapitulation zwang. Kurzfristig gehörte Taiwan wieder zur Volksrepublik. Immerhin hatte während des Krieges ChiangKaiShek die Unterstützung MaoTseDongs benötigt. Nachdem aber der gemeinsame Feind Japan besiegt war, brach der innerchinesische Konflikt offen aus.

Im Bürgerkrieg, bei dem die Nationalchinesen die USA und die Kommunisten die UDSSR im Rücken hatten, unterstützten die bettelarmen Bauern mehrheitlich die Kommunisten, so dass die Situation für die Nationalisten immer bedrohlicher und schwieriger wurde. Schließlich wich die Nationalregierung ChiangKaiSheks mit 500.000 Soldaten und 1,5 Millionen Zivilisten nach Taiwan aus. Bei ihrer Flucht nahmen die Nationalchinesen praktisch die gesamten Goldvorräte des Landes und zahllose historische Kunstschätze aus ganz China mit. Es ist schier unglaublich, aber Taiwan zählt zu den Ländern mit den größten Goldreserven der Erde. Und im Nationalmuseum von Taipeh gibt es mehr antike Kunstschätze aus dem alten China zu bewundern als in Peking.

Taiwan – auch das weiß bei uns niemand – ist eine erstaunlich gebirgige Insel. Weit mehr als die Hälfte des Landes wartet mit teilweise schwer zugänglichem Bergland auf, nur das Becken von Taipeh, die Ebene von Yilan und die Schwemmlandebene im Westen sind dicht besiedelt. Beeindruckend: Über 200 Gipfel ragen höher auf als 3000 Meter. Und die Lust am Bergwandern wächst in Taiwan nur ganz allmählich. Das Dach Taiwans ist der formschöne Jadeberg Yushan mit 3952 Metern. Erstaunlich Große Anstrengungen unternimmt das Land, um bedrohte Tiere wie Schwarzbär, Leopard, Fliegender Fuchs oder Zibetkatze vor dem Aussterben zu bewahren: die fünf großen Nationalparks Taiwans stellen gleichzeitig die wichtigsten Wander- und Trekkinggebiete dar: KengTin, Yushan, YangMingShan, Taroko und SheiPa.

Taiwan hat vier wichtige Pole, die das Land in der Balance halten, und die man als Reisender gar nicht übersehen kann: das sind neben dem Reichtum an exotischer Berglandschaft, die Vielfalt der Chinesischen Küche – hier erweist sich Formosa als eine Art Mikrokosmos oder Brennglas Großchinas, die in den buddhistischen bzw.  taoistischen Heiligtümern und Klöstern gelebte Spiritualität, und die von alters her gepflegte Kunst des schönen Schreibens, die ebenso dekorative wie meditative Kunst der Kalligraphie. Der bei uns zum Sprachschatz gehörende Ausspruch „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ wird auch in Taiwan gerne zitiert. Eine Publikation des Nationalen Palast-Museums trägt diesen Titel. Nur dass hier auch Sprachbilder mit dem Auge wahrgenommen werden und der Begriff durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Auftakt in Taipeh
Nach Taiwan fliegen, heißt Ankommen in Taipeh. Am ChiangKaiShek-Airport. Nach vierzehn Stunden Nonstop-Flug mit China Airlines landet man im administrativen, wirtschaftlichen und kulturellen Herz des Landes, ganz im Norden gelegen, an der Küste des Ostchinesischen Meeres. Mit der Vielzahl an umliegenden Vorstädten und Gemeinden sowie den nicht registrierten Zuwanderern leben in der Glitzermetropole mit ihren Hochhäusern, mehrstöckigem und mehrspurigem Straßenlabyrinth und flirrenden Neonreklamen, die den New Yorker Broadway locker in den Schatten stellen, sicher an die sechs Millionen Menschen.

Ein im Stil der Ming-Dynastie errichtetes, gewaltiges Ehrentor gibt den Blick frei auf die Gedenkstätte für den Mann, dem Taiwan letztlich seine Existenz verdankt: die bombastische, 70 Meter hohe Halle aus weißem Marmor, ist zwar heute Taiwans Demokratie geweiht, für die in Scharen herbeiströmende Bevölkerung steht aber immer noch die Verehrung ChiangKaiSheks im Vordergrund, der als Wachsfigur an seinem Schreibtisch sitzt, dessen Staatskaroassen zu bewundern sind, dessen Uniformen, Schuhe und Orden wie Reliquien behandelt werden.

Oper und Konzerhalle gehören zum Ensemble, Im Friedenspark – mindestens so sehenswert wie das Quasi-Mausoleum und dabei weit erholsamer – treffen sich Jogger und Chi-Gong-Aktivisten, die über genau festgelegte Bewegungsmuster und Konzentrationsübungen in freier Natur Körper und Geist disziplinieren, Haiku-Dichter und Blumenmaler, Schulklassen und Yogagruppen oft schon kurz nach Sonnenaufgang zwischen formschönen, exotisch-tropischen Pflanzen und duftenden Blüten.

Das alte Taipeh entdeckt man am besten bei einem Spaziergang durch die Dihua-Street im Dadaochen-Viertel, wo liebevoll renovierte Gebäude im pittoresken Asia-Barock Kontrapunkt zu Skyscrabern und mutigen Stahlbeton-Konstruktionen an Metrostationen und Brücken sind. Oder man unternimmt einen Ausflug in die historische Hafenstadt Danshue, beliebtes Wohnquartier und Ausflugsziel mit S-Bahn-Anschluss an Taipeh. Bummel auf der bevölkerten Hafenpromenade. Mutige Blicke in Garküchen, Kinderspielplätze, Eisverkäufer. Hier lässt es sich gut und sicher im Strom der Menschen baden, um anzukommen in China.

Sehenswert ist der berühmte Fuyou-Tempel aus dem 18. Jahrhundert, der mächtigen Flussgöttin Mazu geweiht, einer zu göttlichen Ehren gekommenen Sterblichen: Als Tochter eines Fischers hat sie auf einer Insel das Licht der Welt erblickt. Sie rettete einst ein voll besetztes Boot im Taifun und bekam von den Göttern daraufhin die Gabe, in die Zukunft zu sehen, Krankheiten zu heilen und Menschen aus Seennot zu retten. Vielfältig exotisch auch die Gerüche, die aus Apotheken traditioneller chinesischer Medizin genauso auf die Gassen strömen wie aus handtuchschmalen Geschäften, die alle – wirklich alle Zutaten für chinesische Küche feilbieten. Viel Genug Stoff, für den ersten Tag in Taipeh.

Wenn man sich weit zurücklehnt und den Kopf in den Nacken legt, dann  entdeckt man immer und überall „Taipeh 101“. Als Aufbruchssignal überragt das offiziell bis vor wenigen Tagen höchste Gebäude der Welt den Finanzdistrikt Taipehs. Heute hält Dubai den Rekord, aber 508 Meter sind noch immer eine erstaunliche Höhe. Ganz oben die verglaste Besucherplattform. Taipeh aus der Vogelperspektive. Eine sichtbare 660 Tonnen schwere, zentral wie ein Pendel aufgehängte Stahlkugel gleicht Schwingungen aus und schützt den Tower auch bei Erdbeben.

Darunter 101 Stockwerke für Geschäfte und Büros, für Restaurants und Shopping-Areas. Ein knallroter Audi TT-Roadster funkelt in der Eingangshalle. Mehrere Lifte katapultieren die Fahrgäste in knapp 40 Sekunden einen guten halben Kilometer in die Luft, was man nur daran merkt, dass der Druck auf den Ohren zum Schlucken zwingt. Das Beschleunigen und Abbremsen erfolgt so butterweich, dass eine auf den Rand gestellte Münze nicht umfallen würde. Einer sich nach oben verjüngenden Bambusstange gleichend, folgt der Turm den Gesetzen des Fengshui. Die runden Elemente an der Fassade des 2005 eröffneten Wolkenkratzers sind der Form alter chinesischer Münzen nachempfunden. – Money makes the world go round!“ – Ein Bekenntnis, das hier durchaus ernst zu nehmen ist.

Die mit Abstand größte und eindrucksvollste Sehenswürdigkeit von Taipeh – alle exotischen Schlangen- und Nachtmärkte genauso hinter sich lassend wie die gar gastlichen Salons für traditionelle chinesische Fußmassage bzw. daoistische oder buddhistische Tempel – ist das sensationelle Nationale Palastmuseum.

 Es zählt zu den bedeutendsten Sammlungen der Welt. Nirgendwo auf dem Globus gibt es eine ähnlich umfangreiche und kostbare Ausstellung chinesischer Kunst. Und es werden nur Originale gezeigt, die einst im Kaiserpalast in Peking ihren Platz hatten. Taiwan weiß um den Wert seiner Schätze und hat die unendlichen Labyrinthe gewaltiger Magazine atombombensicher in den Berg gebaut.

Das Museum ist hochmodern, didaktisch vorbildlich. Führungen werden auch auf Deutsch, Englisch oder Französisch angeboten.  Am Anfang der Führungslinie steht eine Gegenüberstellung der Entwicklung Chinas und anderer Weltkulturen. Dauerausstellungen  - jede einzelne von Weltgeltung – geben Einblicke in die so typisch chinesischen Kunstgattungen Malerei, Kalligrafie, Keramik, Jadeschnitzerei und Lackarbeit. Da gibt es z. B. ein faustgroßes Stück Schinken ganz aus Jade geschnitzt, das so natürlich aussieht, dass man gleich hinein beißen möchte. Natürlich fehlt auch ein chronologischer Überblick über die Dynastien nicht. Als besonders kostbar gelten Bronzegefäße aus der Shang-Dynastie, die ihre Blüte im zweiten Jahrtausend vor Christus hatte. Ein Highlight jagt das andere.

 Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass alleine der Besuch im Nationalen Palastmuseum die weite Reise nach Taiwan lohnt. Und wer sich ein wenig genauer umschauen will, muss mehrere Tage alleine in Taipeh einplanen. Aber auch ein gut geplanter, von einer fachkundigen Führung unterstützter, intensiver, ganzer Museumstag hinterlässt unvergessliche Eindrücke. Wer dieses Museum erlebt, erfahren, für sich erkundet hat, der ist angekommen in Taiwan.

Die Republik China ist ein moderner, reicher Staat. Die Straßen blitzsauber. Die Hygienestandards hoch. Bettelnde Kinder oder lästige Straßenhändler fehlen völlig. So gesehen ist Taiwan perfektes „Asien für Anfänger“, quasi ein Einsteigerland für alle, die berechtigter Maßen einen gewissen Kulturschock befürchten, wenn sie in Kalkutta, Bombay oder auch Kathmandu das erste Mal mit Asien in Berührung kämen. Das Land bietet fernöstliches Flair, subtropische Natur, chinesische Kultur und eine berührende Mischung asiatischer Religionen bzw. Philosophien auf kleinstem Raum. Und das alles bei maximaler Reisesicherheit.

In den geschäftigen Städten treffen Jahrhunderte alte Traditionen und die Moderne Hightech-Welt des 21. Jahrhunderts aufeinander. Die spektakuläre Schönheit der Landschaften besticht mit üppigen sattgrünen Regenwäldern, in die tief hängenden Wolken emporragenden Bergen, zerklüfteten Küsten, tiefliegenden fruchtbaren Ebenen und magischen Korallen- bzw. Vulkaninselchen, die zum Tauchen  einladen. Zu zwei Dritteln liegt das Land im subtropischen, zu einem Drittel im tropischen Klimagürtel. Der Nordwest-Monsun beeinflusst das Klima von November bis Februar. Der Südostmonsun  herrscht von April bis September. Am meisten Regen fällt von Juni bis August.

 
Aufbruch ins Bergland

Der YangMingShan-Nationalpark ist so etwas wie das Naherholungsgebiet Taipehs im Hochparterre. Mit dem Auto ist man in einer guten Stunde am Parkplatz des Besucherzentrums. Der kleinste der fünf Nationalparke Taiwans streckt sich wie ein schlafender chinesischer Glücksdrache über die Hügel der YangMingShan-Berge aus. Golden und silbern schimmerndes, sich sacht im Wind wiegendes Wollgras als Schuppenpanzer. Ähnlich wie man in British Columbia von den Olympia-Skipisten der Rocky Mountains direkt auf die Millionenstadt Vancouver blickt, so breitet sich hier unter den gepflegten, teilweise gekiesten und narrensicher markierten Wanderwegen  des Nationalparks das wabernde Häusermeer Taipehs aus. Der Berg Tatung mit 1092 Metern mag ein erstes Ziel sein. Oder einer seiner Nachbarn. Dampf steigt auf von den zahlreichen heißen Schwefelquellen. Die Wanderung zu einer dieser Aussichtsplattformen führt durch eine poetische Welt aus tropischen Baumfarnen, unterschenkeldickem Bambus und streng nach Fengshui-Vorgaben angelegten Rastplätzen mit Goldfischteichen und kleinen Bogenbrücken. Landschaftsbilder, wie mit Tusche skizziert. Kalligraphie-Vorlagen aus sich schneidenden Horizontlinien, Wolkenbildern, skurrilen Baumformationen und sich in vorgegebenem Winkel treffenden Wegen.

Der Abstieg über gut 400 Höhenmeter zum ChiChinTien-Tempel über Hunderte von Treppen mit Stufen ganz unterschiedlicher Höhe beginnt beschaulich, in großer Ruhe und Stille. Des ist die Ruhe vor dem Sturm. Vor dem völligen Wahnsinn. Die Wanderung endet in einer Kakophonie unglaublichen Lärms.Zunächst sind es Chinakracher in Serie gezündet, dann steigen Feuerwerkraketen auf, dazu Tröten, Trompeten, Trommeln, Gewehrsalven und laute Diskomusik. Ghettoblaster und Mega-Lautsprecherboxen auf tuckernden Traktoren. Der infernalische Lärm im kleinen Dorf am Ende des Trails ist ein durchaus heiliger.Was sich anfühlt wie eine Mischung aus politischer Demonstration, Faschingszug, Karneval in Rio und mobiler Karaoke-Show, ist freilich feierlich-fromme Prozession. Die chinesische Art von Fronleichnam. Ein wichtiger regionaler daoistischer Gott wird mit einem Volksfest geehrt, das jedes Jahr in einem anderen Dorf des Distrikts, von einem anderen Tempel, ausgetragen wird.

 nd so wie man in Nepal zu Beginn einer Puja kleine Glocken anschlägt, um seinen Gott auf sich aufmerksam zu machen, so versucht hier jedes Dorf jedes Jahr noch lauter zu sein, den irren Lärm noch mehr zu steigern, um sich wirklich der ungeteilten Aufmerksamkeit der mächtigen Gottheit zu vergewissern. Es ist nicht ganz einfach, ohne bleibenden Hörschaden aus diesem besonderen Gottesdienst herauszukommen.

Mit Opfergaben wird in Taiwan nicht geknausert. Da kann schon eine ganze Sau dazugehören. Während aber in der europäischen Antike die Speisen verbrannt wurden, ziehen es taiwanesische Gläubige vor – egal ob Buddhisten, Daoisten oder Anhänger von Konfuzius - nach Beendigung des Zeremoniells alles Essbare im Rahmen eines Familienfestes selbst zu verzehren. Da spielt ein Stück Pragmatismus immer eine Rolle. Wäre doch schade, um das gute Essen.

Das Krachen und Lärmen noch im Ohr, geht die Fahrt mit dem Bus zurück auf den Highway und am Rande Taipehs vorbei in Richtung Nordküste, wo die Guanyshan National Scenic Area für unglaubliches, absolut natürliches  Kontrastprogramm sorgt. Ein Ort, wo Erdgeschichte spürbar wird, genauso wie der ewige Hauch des Ozeans. Spielwiese der Elemente und Gezeiten. Ein traumhaft schöner Platz, um zwischen pittoresken Sandsteinskulpturen und faszinierenden Pressformationen die Fantasie schweifen zu lassen.

In Yeliou gibt es den „Kopf der Königin“ zu bestaunen, „Aschenputtels Tanzschuh“, Segelschiffe, Blumen, Bildhauerarbeiten, alles geschaffen von Wasser und Wind auf einer 1,7 Kilometer langen lindwurmzungen-schmalen Halbinsel. Kristalliner Sand in Jahrtausenden von stetem Wind zu Stein gepresst und in Monsunregen und bei Flut gischtendem Salzwasser wieder erodiert. Zu Naturdenkmälern wie dem „Pilzfelsen“, dem „Kerzenhalter“ oder dem „Bohnen-Quark-Felsen“.

Wilder Osten: Hochgebirge
Taiwans wilden Osten erreicht man am besten mit dem Zug. Von Yeliou zurück nach Taipeh und dann mit der Bahn – sehr komfortabel und pünktlich – hinaus nach Hualien am Pazifischen Ozean. Während die Westküste Taiwans flach ins Meer ausläuft, fällt die Ostküste steil ab. Marmorschleifereien haben hier genügend Rohstoff. Weiter Kiesstrand in einigen weiten Buchten, Steinesammeln lohnt sich. Wunderschöne Muster, Formen und Farben. Wenn nur diese lästige 20-Kilo-Grenze fürs Gepäck beim Rückflug nicht wäre!

Die Taroko-Schlucht ist das wilde Herz des Taroko-Nationalparks. Das populärste Stück Natur in Taiwan. Hierher reisen Hochzeitspaare, da treffen sich Wanderer und Hiker, da haben Naturvölker ihre Spuren hinterlassen, deren Kultur nicht nur wegen Pfeil und Bogen auf uns ausgesprochen indianisch wirkt. Am Eingang der mächtigen Taroko-Schlucht wird der Verkehr durch ein mächtiges Tor geleitet. Eingefasst in weißen Marmor donnern die Wassermassen aus dem Hochgebirge Taiwans zu Tale. Ein atemberaubender Fahrweg schlängelt sich tiefer hinein in ein grünes Labyrinth aus Schluchten, Gumpen und Canyons. Verwirrend die Vielfalt der Wanderwege und Promenaden. Das ebenso ökologisch wie komfortabel ausgerichtete Taroko Leader Resort mit chinesisch-japanischem Essen – schon zum Frühstück - ist bequeme Unterkunft mit viel Lokalkolorit und Folklore-Show. Und einem zauberhaften Blumengarten in dem Hunderte von handtellergroßen Schmetterlingen tanzen.

 Farbige Schönheit.
Geheimnisvolles Leben.
Makellos und rein.

Über Jahrmillionen hat sich der Fluss Liwu durch das dichte Gestein gegraben. Marmor und Granit stehen in bis zu 500 Meter hohen Wänden massiv beidseits der Schlucht, in die immer wieder kleine und große Wasserfälle rieseln. Die Auswahl an Trails und Hiking-Touren ist riesig, allerdings muss man immer damit rechnen, dass nach Taifunen Abschnitte oder ganze Routen vorübergehend gesperrt sind. Und man muss als ausdauernder Bergwanderer mit Alpenerfahrung ganz einfach wissen, dass die Begrifflichkeiten in Taiwan ganz anders gesetzt sind als bei uns: wenn wir von Spazierengehen sprechen, dann ist das auf der Insel schon „Hiking“. Und wenn wir von Wandern reden, dass bereitet sich der Taiwanese innerlich schon auf eine abenteuerliche Trekkingtour vor und fürchtet um sein Leben.

Höhepunkt im Taroko-Nationalpark sind das „Schwalbentor“, ein Abschnitt der Hauptschlucht in dem im Frühsommer zu Hunderten die Schwalben nisten, die „Neun-Kehren-Höhle“, wo das Sonnenlicht durch scheinbar überlappende Hänge fast völlig ausgesperrt ist oder der etwas anspruchsvollere Treppenweg zum Schrein des ewigen Frühlings. Auf einem Felsen über einem Wasserfall gelegen, erinnert er an die Arbeiter, die beim Bau des Cross-Island-Highways ums Leben kamen.

Nachhaltiges Erlebnis verspricht das buddhistische Frauenkloster, das auf einer Bergkuppe über dem Fluss thront, mit einem hohen Glockenturm, der wie ein Wahrzeichen weithin sichtbar ist. Die Ikonographie des chinesischen Buddhismus ist für Kenner der Klöster Tibets etwas befremdlich und rätselhaft. Aber Guru Rimpoche Padmasambhava als großer Heiliger und Missionar noch am leichtesten zu identifizieren. Man kann gegen eine kleine Spende Orakelsprüche und Horoskope kaufen, auch buddhistische Schriften in Englisch. Freundlich lädt die Nonne am Eingang dazu ein, den Tempel zu betreten und Buddha die Ehre zu erweisen. Dass man dabei die Schuhe auszieht, ist selbstverständlich.

Aus der Taroko-Schlucht geht es ins Hochgebirge. Die Straße wird immer schmaler. Immer höher und steiler geht es hinauf. Von 200 Metern Seehöhe auf 3000 Meter. Aus dem Frühnebel in gleißenden Sonnenschein. Wolkengekrönte, grün ummantelte Zauberberge. Uralte Zypressen folgen tropischer Vegetation. Kleine Tempelchen am Rand der steilen Kehrenstraße erinnern daran, dass wir uns in der Republik China befinden. Endlich ist die Passhöhe erreicht: 3275 Meter. Der höchste Straßenpass Taiwans. Doppelt gebratene Nudeln: schneller Lunch am Scheideweg. Der Berg ruft. Bei guten Wetterverhältnissen lockt z. B. der Berg Shimen, 3400 Meter hoch, zu einem Abstecher. Eine kleine zweistündige Bergtour. Auf ausgetretenem Treppenpfad. Es kann auch einer seiner Nachbarn sein.Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Tour auf Zugspitzniveau beginnt, dass man sich im Hochgebirge befindet und das Klima nicht gewöhnt ist, dass die Schuhe zum Gelände passen müssen, genügend Trinkwasser im Rucksack ist und der Sonnenschutz hohen Lichtschutzfaktor aufweist.

Wie in einem chinesischen Tuschebild umfluten weiche Wolkenmeere, Waldhügel und Wasserfälle die Bergkuppen der Hehuan-Berge, allesamt um oder über 3000 Meter hoch. Zurück im Bus, heißt es wieder ins Karussell der Kurven einsteigen. Tief unten liegt die Wulin-Teefarm. Landwirtschaftliches Gebiet und Recreation-Center in einem. Ein typisches Wochenendausflugsgebiet für die Taiwanesen. Nicht nur die sportlichen Möglichkeiten locken, nicht nur die herrliche Landschaft in diesem windgeschützten Tal, vor allem auch der bekannt gute Tee ist es, der keinen Chinesen kalt lässt. Ein Abendspaziergang durch die Teegärten endet am Farmhaus, wo natürlich eine kleine Führung und Probieren angesagt ist. Die Zubereitungs- und Trinkkultur ist seit Jahrtausenden im chinesischen Volk verwurzelt. Während der Tang-Dynastie – 618-907 n. Chr. – verfasste der buddhistische Mönch LuYu einen bis heute populären „Klassiker“ der chinesischen Literatur, das „Buch des Tees“.

Es ist eine Wissenschaft für sich, wie lang welcher Tee zieht, wie heiß das Wasser zu sein hat, welches die richtige Tasse ist, wodurch sich der erste Sud vom zweiten unterscheidet. Nicht-Tee-Trinker werden das alles nie verstehen. Auf der Wuling-Farm wird eine besondere Mischform zwischen Grünem und Schwarzem Tee – halbfermentiert – produziert: der berühmte Oulong-Bergtee – Ein als besonders gesund geltender, sehr schmackhafter Tee,  „WuLong“ bzw. „Schwarzer Drache“ genannt.

Die ganze Welt in einem Schluck Tee
Die Zeremonie muss man erlebt haben: Zubereitet wird Tee in winzigen Teekannen, die an Puppenküchengeschirr erinnern. Bei fermentierten Teeblättern muss das Brühwasser 100 Grad haben, bei nicht fermentierten Blättern sollen es 90 Grad sein. Der Tee muss genau drei Minuten ziehen und wird aus winzigen Becherchen – selbstverständlich ungesüßt – schlürfend genossen. Die Kanne wird bis zu viermal mit heißem Wasser aufgefüllt, jeder Aufguss benötigt dann eine Minute mehr zum Ziehen, um optimalen Geschmack und lebensverlängernde Wirkung zu erzielen.

Tee und Taiwan gehören so eng zusammen, dass es sogar Restaurants gibt, in denen ausschließlich Gerichte mit Tee gekocht werden und letztlich sogar der Reis in Teewasser siedet.

Mit kleinen Schlucken
Ein wärmendes Bad nehmen.
Aus reinem Geschmack.

Am nächsten Morgen, nach einer für taiwanesische Verhältnisse kühlen Nacht, schaukelt der Bus wieder durch einige Dörfer mit einladenden Obstmärkten durch das „Südtirol Taiwans“ Kurve für Kurve hinauf zur Wegkreuzung auf 3200 Metern Seehöhe. Wenn das Wetter passt, besteht noch einmal die Möglichkeit, einen der über 200 Dreitausender Taiwans zu besteigen. Das „ni hau“ – „Guten Tag“ - auf den steilen Treppenwegen fällt schwer. Die Höhe macht sich durchaus bemerkbar. Und die Taiwanesen sind ein fröhliches Volk und begrüßen jede Langnase mit einem freundlichen „Hallo“. Beispielhaft die Vorbereitung eines chinesischen Bergführers, der für seine Gruppe ein großes Schild dabei hat, auf dem der Name des gemeinsam bezwungenen Bergriesen steht. So entsteht ein Gruppenbild mit Botschaft.

Auch der „Jadeberg“ Hueshan kann im Rahmen der Summit-Club-Reise nach Taiwan bestiegen werden. Man kann den Abstecher mit Biwak in einer einfachen Berghütte aber auch auslassen. Ob der Hueshan letztlich machbar ist oder nicht, das hängt immer auch vom Zustand der Wege und vom Wetter ab, immerhin es geht auf knapp 4000 Meter hinauf.

 Mythos und Kitsch: Sonne-Mond-See
Keinesfalls entgehen lassen sollte man sich den Abstecher zum berühmten Sonne-Mond-See. Die Fahrt aus den Hehuan-Bergen in die Wärme, in fast europäisch wirkende Tallandschaften, endet im Idealfall genau zur Sonnenuntergangszeit an den Gestaden des sagenumwobenen Gewässers. Das auf 750 Metern Seehöhe gelegene Gewässer heißt Sonne-Mond-See, weil seine Form den chinesischen Schriftzeichen für Sonne und Mond ähnelt. Ganz prosaisch ist der See mit 11,6 Quadratkilometern Fläche Taiwans größtes Trinkwasserreservoir. Seine Popularität hängt aber eher damit zusammen, dass er in eine chinesische Bilderbuchlandschaft eingebettet ist, umgeben von dicht bewaldeten, sattgrünen Bergen. Kein Wunder: der Sonne-Mond-See ist – wie die Taroko-Schlucht – traditionelles Pflichtziel für Taiwans Flitterwöchner.

Der Sonne-Mond-See ist von vielen anmutigen Regionen in Taiwan vielleicht die stimmungsvollste: einer jener fast überirdischen Bezirke, die in ihrer Erhabenheit aussehen, als hätte sich die Natur selbst ein Denkmal gesetzt. ShanShui – Gebirge und Wasser: die Kombination daraus deuten Chinesen als Inbegriff der Ästhetik.

Fragst du nach Taiwans Vater: es ist der Himmel!
Fragst du nach Taiwans Mutter: es ist das Meer.
Du willst seine Vergangenheit erspüren: es sind Blut und Tränen.
Und seine Zukunft: Mutiges Schreiten, offener Weg!

Es empfiehlt sich mit dem Schiff um den See zu fahren und an den wichtigsten Stationen Zwischenstopps einzulegen: der WenWu-Tempel vereint die Elemente mehrerer religiös-philosophischer Schulen. Beispielsweise verweisen die zum Bau verwendeten dunklen Marmorblöcke im Kontrast zum hell glitzernden See auf die YingYang-Dualität. Die Haupthalle beherrschen Statuen der schamanistischen Kriegsgötter KuanYu und YuehFei, während die hintere Halle ein Standbild von Konfuzius enthält. Schließlich wurden einige Riten des Daoismus integriert, wie zum Beispiel das Orakelknochenwerfen oder das Aufhängen von Wunschbriefchen an den Tempelbrüstungen.

Im buddhistischen HsuanChunagSi-Tempel  befindet sich am Hauptschrein des Erdgeschosses hinter dem liegenden Buddha, ein sehr beliebtes Fotomotiv, eine unscheinbare Pagode, in der Knochenteile des Münchs HsuanChuang aufbewahrt werden, dem Begründer des Buddhismus in China. Zum Tempel gehört auch eine typisch-taiwanesische Turmpagode mit neun Etagen, die sich einen knappen Kilometer oberhalb des Tempels befindet. Der Aufstiegsweg führt durch einen Park mit herrlichen Ausblicken auf den See. Mit gut 45 Metern ist die TzuEn-Pagode die höchste Taiwans. Der Aufstieg über 155 Stufen ist mühsam. Aber der Rundumblick ganz oben dafür bestechend. Dschunkenartige Schiffe wimmeln auf dem See. Die grünen Berge rahmen das märchenhafte Gewässer, in dem einst Sonne und Mond versteckt waren, als die Menschen sie am Firmament vergeblich suchten. Und es bringt ganz besonderes Glück, die riesige zentrale Bronzeglocke dreimal anzuschlagen.

AliShan – wo das „Chi“ frei fließen kann
Nun steht als letzter Höhepunkt unserer Reise durch Taiwan noch einmal ein bedeutender Nationalpark an. Noch einmal wird auf hervorragend ausgebauten Wegen gewandert, noch einmal gibt es Anlass, den Reichtum an Naturschönheiten zu bewundern. Zum YuShan-Nationalpark, 100 000 Hektar groß und mit 30 Gipfeln über 3000 Metern Höhe ausgestattet, gehört auch  der „Heimat-Berg“ Alishan. Kaum eine Gipfelregion  der taiwanesischen Bergwelt erfreut sich größerer Beliebtheit. Mit seinen 2190 Metern bietet der Berg kühles, erfrischendes Klima, liegt aber noch nicht so hoch, dass Höhenkrankheit ein Thema wäre. Bus- und Bahnanschlüsse sind optimal. Die kurvenreiche Straße wurde nach dem letzten gewaltigen Taifun im Herbst 2009 gerade wieder fertiggestellt.

An der Wiederinbetriebnahme der alten Schmalspureisenbahn wird noch fieberhaft gearbeitet. Für Einheimische liegt – neben dem Trail zu den Baumriesen von AliShan - ein weiterer Hauptgrund für den Besuch im spirituellen Bereich: Das „Chi“ – die Lebensenergie – sei hier oben so günstig wie nirgendwo sonst, heißt es. Jede einzelne Minute in der veritablen Sommerfrische AliShan-Park sei so wertvoll wie ein ganzer Tag in der Ebene.

Der Führer ist klein, aber dafür breit. Er spricht sehr gutes Englisch, weil er in den USA gearbeitet hat. Dort hat er sich auch seinen Spitznamen eingefangen „John Wayne“. „I’m Wayne – You call me John!“ - Er ist herzig sympathisch, flirtet pausenlos mit den weiblichen Mitgliedern der Reisegruppe und kämpft sich mit allerlei Yoga-Tricks wie – beim Treppensteigen bergauf die Hände auf den Rücken legen – über das Stufenlabyrinth AliShan.Amerikanischer könnte dieser Naturpark nicht sein. Jeder einzelne Baum beschriftet, jeder Baumstupf symbolhaft gedeutet, kein Meter Wegs unbefestigt. An wirklich jeder Pfütze wird darauf hingewiesen, dass Schwimmen verboten ist. Jede Miniböschung ist mit Geländern gesichert. Völlig unmöglich also, sich so behütet auch nur einen Schiefer einzuziehen. Vollkasko-Mentalität made in USA, perfektioniert in Taiwan.

Die bis zu 2500 Jahre alten Baumriesen sind jeder einzelne ein Naturdenkmal. Unser Rundweg verläuft durch hübsch angelegte Hochlandgärten an einem ebenso hübschbunten wie mächtigen buddhistischen Heiligtum vorbei, wo wir als Morgen-Puja ein paar Räucherstäbchen erwerben und anzünden, zum Heiligen Baum.

Angeblich ist er noch älter als seine Nachbarn – von 3000 Jahren ist in Führern die Rede. Wobei die ursprünglich so benannte Hochlandzypresse vor ein paar Jahren ausgewechselt wurde, wie John augenzwinkernd eingesteht. So was geht in Taiwan. Der alte „Heilige Baum“ - ohnedies längst ein Totholz-Relik - war Opfer eines Taifuns. Und so haben Parkbesucher abgestimmt und sich einen neuen „Heiligen Baum“ erkürt. Dieser lebt, sein grüngefächerter Wipfel verliert sich in den Wolken. Und man braucht mindestens acht Leute, um Hand in Hand seinen Stamm zu umspannen. Warum sollte er also nicht kraftspendend bzw. heilig sein. Ein FengShui-Fanal.

Zwei daoistische Tempelchen, der poetische Schmetterlings-„Garten der unsterblichen Träume“ und die „Pagode des Baumgeistes“ – derart liebevoll inszenierte Statiönchen liegen ebenfalls am AliShan-Trepperlweg. Immer wieder sind Taiwanesen zu beobachten, die mit Pinsel und Farbe ein winziges Detail aus üppiger Natur auf Reispapier bannen: einen besonders gekrümmten Ast, ein feingeädertes Blatt, eine halb geöffnete Blüte. Oder sie praktizieren die hohe Kunst des Haikus: fünfsiebenfünf - mit insgesamt exakt 17 Silben ist das Haiku die kürzeste Gedichtform der Welt. Es beschreibt immer ein Detail aus der Natur. Dass die Kunst des Haiku in Taiwan große Bedeutung hat, hängt mit der japanischen Besatzung der Insel bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen. 

 Winziger Käfer.
So viel kleiner als der Mensch.
Und doch fliegt er fort!

Bei der Rückkehr zum Hotel zieht Nebel auf. Es wird unangenehm feucht und kühl. Wir stecken plötzlich mitten in den Wolken, die aus der feuchten Ebene in Richtung Jadeberg ziehen. „Ausläufer eines Taifuns über Japan“, erklärt uns John. Es soll sogar noch regnen am Nachmittag.

Es muss nicht immer Schlange sein
Kleinbusse stehen bereit, die uns auf der  wie eine Luftschlange über Höhenzüge, Kuppen und Täler geworfenen Bergstraße hinunterschaukeln ins Tal. Nieselregen. Unglaublich: die Heizung läuft und tut gut. Dazwischen atemberaubende Blicke auf gewaltige Wunden, die der letzte große Taifun erst im Frühjahr 2009 geschlagen hat: Halbe Berge fehlen buchstäblich. Verletzte Landschaft, in die eine zerstörerische Kraft mit dem Hochdruckschlauch hineingespritzt und unvorstellbare Verwüstung angerichtet hat. Das alles hat mit Muren oder Erdrutschen, wie wir das aus dem Alpenraum kennen, nichts zu tun. Das ist eine ganz andere Dimension.

Unterwegs in den Süden, bevor wir im buddhistischen Großkloster FoGuangShan die letzten Tage verbringen, halten wir an einem besonders einladenden Restaurant am Straßenrand. Mittlerweile sind Essstäbchen kein Grund mehr, am gedeckten Tisch zu verhungern. Und wieder werden Dutzende von Tellerchen und Schüsselchen aufgetragen, auf das typische Karussell in der Tischmitte gestellt und dann einladend von Gast zu Gast an der runden Tafel geschoben.

Und es muss nicht immer Schlange sein. Oder gerösteter Skorpion. Natürlich gehören derartige Köstlichkeiten auch zum Speiseplan der Taiwanesen. Aber niemand muss etwas essen, was er nicht mag. Probieren ist immer erlaubt.

Eine Geschichte erzählt von Kaiser Yu, der mit seinen Ministern auf dem Land unterwegs war. Bei den Besprechungen über die Zähmung eines großen Flusses verging viel Zeit und man vergaß, rechtzeitig zum Essen nach Hause zurück zu kehren. So wurden Feuer am Ufer entzündet und in Tontöpfen gekocht. Da es sehr schwierig war, das Fleisch aus den Gefäßen zu holen, ohne sich zu verbrennen, brach der Kaiser von einem nahestehenden Baum zwei Zweige ab und fischte damit Fleisch und Gemüse aus dem Topf. Seine Minister taten es ihm selbstverständlich nach. So entwickelte sich aus der Not heraus das dam häufigsten benutze Essbesteck der Welt.

Bei Umfragen unter asiatischen Touristen erklärten 2001 nicht weniger als 58 Prozent, aus kulinarischen Gründen nach Taiwan gereist zu sein. Der Ruf Taiwans unter Gourmets ist inzwischen eher noch gewachsen. Taiwan hat mehr zu bieten als ausschließlich chinesische Kochkunst. Zwar spielen Varianten der „Acht Großen Küchen Chinas“ bei Banketten und bei der Bewirtung westlicher Gäste noch immer eine dominierende Rolle. Wer jedoch einen der großen Nachtmärkte besucht oder privat eingeladen ist, macht rasch mit einheimischer Kochkunst Bekanntschaft.

 Aufgetischt wird „Reisnudelsuppe“, “Stinkender Bohnenkäse“, eine schier überbordende Fülle von variantenreich gewürzten Fleischbällchen aller Art,  und die nicht weniger bunte Palette an Maultaschen, mit Gemüse, Fleisch oder auch Schokoladencreme gefüllt. Der Fantasie und Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Und das Probieren macht immer wieder Spaß. Kein Essen schmeckt wie das andere. Hinzu gesellen sich zahlreiche japanische Akzente – Überbleibsel der 50-jährigen Kolonialherrschaft Nippons – wie Sushi, Tempura oder Mochi. Aus dem Westen hat Taiwan in den letzten Jahren „Zutaten“ wie Rotwein, Cognac oder Cappuccino übernommen. Alternativen oder Ergänzung für den allgegenwärtigen Reiswein.

 Nach einer Schale Wein torkelt der grausame Tiger
betrunken in die Berge.  Nach zwei Schalen schläft
der unbarmherzige Drache tief unten im Meer.

Das typische Frühstück in Taiwan besteht aus einer Nudelsuppe oder dünnen Reissuppe, zu der eingelegtes Gemüse, Erdnüsse, Shrimps oder Fleischhäppchen gegessen werden. Alternativ können auch kleine Pfannkuchen oder Dampfnudeln gereicht werden, süß mit roter Bohnenpaste oder salzig mit Fleisch- und Gemüsefüllungen. Bratnudel- und Bratreisgerichte zu Mittag kommen dem europäischen Gaumen entgegen. Wobei interessanter Weise in Taiwan längst nicht so „spicy“, „hot“ oder chilischarf gekocht wird, wie in anderen asiatischen Ländern üblich. Immer gibt es Gemüse, Salat und Tofu. Tofu in allen Variationen.

Wichtig ist, dass man am Ende des Mahls keinesfalls sein Schälchen leer ist, das würde bedeuten, dass man nicht satt geworden ist. Und ein absolutes Tabu stellt es dar, sein Stäbchen senkrecht in die Reisschüssel zu stecken. Das erinnert an Räucherstäbchen und Opfergaben im Tempel. Erfreulich: Rülpsen ist in China jederzeit erlaubt, streng verpönt allerdings Schnäuzen bzw. die Benutzung des Taschentuchs. Dieses Problem zu Handeln  ist oft gar nicht einfach, vor allem wenn bei gut gewürzten Speisen die westliche Nase sozusagen zwangsläufig wird.

 Der Reis ist für die Chinesen die „Königin aller Getreidearten“. Nach Erschaffung der Welt, heißt es, zu Anbeginn der Zeit, verliebte sich der Himmel in die Erde. Als er sie eines Tages küssen wollte und sich zu ihr herabbeugte, fielen aus seiner Tasche Reiskörner. Sobald diese auf der feuchten Erde landeten, begannen sie zu keimen, und es wuchsen die ersten Reispflanzen. Zeugnisse der Liebe.

 
Ein Stück unterwegs mit dem Großen Fahrzeug
Wohlgestärkt mit den Kostbarkeiten taiwanesischer Küche, nach einem kleinen Mittagsschläfchen auf dem Highway gen Süden, während auf dem Großbildschirm im Bus irgend ein tödlich langweiliges Baseball-Match tobt, laufen die letzten Vorbereitungen für den Eintritt im Kloster. Noch einmal wird eine neue Seite im Taiwanesischen Bilderbuch aufgeschlagen. Noch einmal ein ganz anderer Schauplatz gewählt.

Sun Bin zog mit Soldaten über Land. Die Männer mussten sich von dem ernähren, was die Bauern ihnen gaben bzw. geben mussten. Eines Tages lagerte das Heer in der Nähe eines Bohnenfeldes. Sun Bin schickte seine Männer aus, das Gemüse zu ernten. Da die Bohnen zu hart zum Essen waren, weichte man sie in Wasser ein und zerstampfte sie.

Es bildete sich eine sämige, kleisterartige Masse, aus der man feine Fäden ziehen konnte. Die Männer trockneten die Fäden an der Sonne und hatten somit die ersten Glasnudeln hergestellt. Von nun an konnten sie Vorrat anlegen, der sich leicht transportieren und später einfach zubereiten ließ.

FoGunagShan ist eine Institution. Eine kleine buddhistische Klosterstadt. Hier wird von über 1000 Novizen und Mönchen, Schülern und Studenten eine eigene Richtung des chinesischen Mahayana-Buddhismus gepflegt. Das „Große Fahrzeug“ bzw. der breite Weg, der jedem Gläubigen offensteht.

Mahayana – ein allgemein zugänglicher Buddhismus. Dahinter steht das große Ziel, alle fühlenden Wesen – und eben nicht nur die Weisen und Gelehrten - von den Ketten des irdischen Daseins zu befreien. Mildtätigkeit gegenüber jedermann, Bildung, Meditation und die Ansammlung von Wissen stehen im Vordergrund. Bodhisattvas wie Manjushri helfen, erleuchtete Wesen, die auf das Nirwana verzichten, um erneut in den endlosen Kreislauf der Wiedergeburten einzutauchen, um selbstlos den noch nicht Befreiten auf ihrem Weg beizustehen. 

Auf dem Gelände gibt es zahllose Meditationshallen, Meditationsschulen, Tempel und Armenküchen, Schulen, eine eigene Universität, aber auch einen klostereignen Radiosender und die klostereigene Fernsehanstalt. Mit einer beschaulichen tibetischen Gompa hat diese Art von Weltbuddhismus nichts zu tun, aber es ist überaus faszinierend zu beobachten, wenn 1000 Mönche in genau festgelegter Marschordnung in tiefes Schweigen versunken zur Morgen-Puja antreten und danach zum Frühstück in die Große Halle schreiten; und mit welcher Präzision und Disziplin gebetet, gegessen, gelebt wird.

Jeder hat seine Aufgabe, das Kloster sorgt für Lebensunterhalt, Kleidung und Nahrung. Der Tagesinhalt besteht aus der intensiven Beschäftigung mit dem „Dharma“, der Lehre Buddhas. Die Besucher werden durch ein riesiges Museum geleitet, das die Geschichte des betagten Sektengründers beleuchtet und ihn mit westlichen Staatsmännern und sogar im Gespräch mit dem Papst zeigt. Und sie erleben einen Disneyworld-Buddhismus märchenhafter Ausprägung in einem künstlich gemauerten und mit Tausenden von bunten Lämpchen und Tierfiguren ausgestatteten Höhlenlabyrinth, das den Weg des Menschen zur Erleuchtung symbolisiert bzw. anschaulich macht.

Am Ende – wenn das Nirwana erreicht ist – tritt man durch eine Lichtschranke und dann beginnen Hunderte von Plastikvögeln, Rehen, Hasen, Elefanten und Bären wie wild zu quietschen und zu kreischen. Sphärenmusik erfüllt den Raum. Und es wird unübersehbar und überdeutlich: jenseits aller Erdenschwere verbreiten sogar die Pflanzen und Tiere fröhlich Buddhas Wort.

Hohe Konzentration und sehr viel Präzision erfordert das mehrstündige Praktikum in Sachen Kalligraphie: in der Schreibschule des Klosters wartet eine Professorin. Die Gruppe nimmt in einem riesigen Schreibsaal mit mindestens 150 Pulten Platz. Jeder bekommt eine Vorlage mit den chinesischen Schriftzeichen für „Freude“, „Friede“, „Wohlergehen“ und „Gesundheit“, dazu ein Blatt Papier, mehrere Pinsel und ein halbgefülltes Glas schwarzer Tusche. Mehr braucht man nicht.

Und dann beginnt jeder für sich die Vorlage auf das Blatt zu übertragen. Zuerst noch zögernd mit zitternder Hand. Dann allmählich freier und frecher werdend, Mut und Schwung gewinnend. Es macht Freude, herauszufinden, dass Verdickungen leicht durch etwas mehr Druck auf den Pinsel herzustellen sind, und dass Rundungen in einem Zug besser gelingen als mit mehrfachem Ansetzen.

Die ganze Welt in einem Tuschestrich! Auf das Wesentliche konzentriert. Für kurze Zeit scheint nichts Anderes mehr wichtig, als Stärke, Form und Dynamik einer Linie. Durchaus meditativ – dieser Grundkurs in Kalligraphie. Die Zeit am Tisch vergeht wie im Flug. Und wie in der Schule gibt am Ende jeder sein Blatt an die Professorin ab, die lobt, korrigiert und freundlich tadelt. Sie stempelt das Blatt mit dem Zertifikat der Malschule von FoGuangShan, unterschreibt es und rollt es zu einem winzigen Stab, der von einem kleinen Plastikröhrchen geschützt ein kostbares, selbst gefertigtes Souvenir für jeden Teilnehmer darstellt. So etwas kann man nicht kaufen.

FoGuangShan – der Buddha-Glanzberg – ist die wichtigste und interessanteste buddhistische Großanlage Taiwans. Es zählt zu den zehn wichtigsten Zentren des Buddhismus auf der Erde. Kleine Elektroautos verkürzen die weiten Wege auf riesigem Gelände. Der Souvenirshop ist so groß wie ein kleines Kaufhaus. Und selbstverständlich werden im Restaurant für Gäste ausschließlich vegetarische Gerichte gereicht: „vegetarisches Brathuhn“, „vegetarisches Schweinefleisch“, vegetarischer Rinderbraten“ – das alles kann unglaublich aromatisiert aus weißem Tofu gezaubert werden.

In zyklopenhafter Größe von 30 Metern überragt ein stehender Buddha am höchsten Punkt die Landschaft. Eine Vielzahl von Stupas erinnert an die Verstorbenen aus dem Umland. Eindrucksvoll der Hauptschrein – genannt der „Wertvolle Saal großer Helden“, mit Zehntausenden von Buddhas in verschiedenen Größen an den Wänden. Am Hauptaltar, mit blitzenden Lichterketten geschmückt, prangen drei große goldene Buddha-Figuren in verschiedenen Positionen, mit verschiedenen Mudras, der symbolhaft-ikonographischen Handhaltung.

 
Hermann Hesse schreibt in seinem Büchlein China – Weisheit des Ostens:

Ist auch alles Trug und Wahn
Und die Wahrheit stets unnennbar,
Dennoch blickt der Berg mich an
Zackig und genau erkennbar.
Hirsch und Rabe, rote Rose,
Meeresblau und bunte Welt:
Sammle dich – und sie zerfällt
Ins Gestalt- und Namenlose.
Sammle dich und kehre ein,
Lerne Schauen, lerne Lesen!
Sammle dich – und Welt wird Schein.
Sammle dich – und Schein wird Wesen.

Den letzten Kontrapunkt einer vielfältigen, überaus variantenreichen und intensiven Wander-Kultur-Reise durch Taiwan setzt Kaoshiung, die moderne Megacity am Love-River, mit einem der größten Häfen der Welt.Wir haben ganz Taiwan durchquert und hier – am südlichen Ende - finden wir wieder diese unglaubliche Dualität: Hightech im Dialog mit alter taiwanesisch-chinesischer Kultur. Eine Spanne über 5000 Jahre. Diesen so dramatisch-dynamischen Wechsel von Tradition und Moderne, der so typisch ist für die faszinierende Republik China.

Der tatsächlich Taiwans Rhythmus ist. 

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Unbekanntes Taiwan - Tageswanderungen im Reich der Kalligraphie

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