Nevado Ausangate - Expedition 2009

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Der König der Vilcanota

Die Besteigung des Nevado Ausangate, 6372 m, ein mit Gletscherflanken gespickter Granitriese in der recht einsamen, aber überaus beeindruckenden Berglandschaft der Cordillera Vilcanota in Peru ist unser Expeditionsziel. Im malerischen Andenstädtchen Cuzco beginnt für uns die alles entscheidende Höhenanpassung. Auf dem legendären Fußweg nach Machu Picchu, unterwegs zu den Ruinen von Ollantaytambo, Pisac und schließlich Saqsayhuaman erfahren wir viel über Geschichte, die hoch entwickelte Kultur, den vorbildlichen Sozialstaat, die hohe Steinmetzkunst oder das ausgeklügelte Nachrichtensystem der Inka.

Schon bei diesem Kulturprogramm am Anfang unserer Reise überschreiten wir zweimal die 4000-Meter-Grenze und setzen so wichtige Reize für die Höhenanpassung. Im verstaubten Indiodorf Tinqui beginnt auf 3700 Metern der Anmarsch zu unserem Expeditionsziel, vorbei an weit verstreuten Haziendas, wo in mühevoller Handarbeit wie eh und je verschiedene Sorten von Kartoffeln angebaut werden, hier im Heimatland dieses Grundnahrungsmittels. Abweisend zeigt sich die steil aufragende Nordflanke des Ausangate: wir müssen den Kopf immer weiter in den Nacken legen, um die Gipfelregion zu sehen, je näher wir an diese Wand herankommen. Täglich um etwa 500 Meter höher gelegene Schlafplätze bieten die ideale Voraussetzung für eine sinnvolle Akklimatisation.

Wir wandern über baumlose Hochsteppen, auf denen Lamas, Alpakas und vereinzelt scheue Vicunias an Polstergewächsen und spärlichem Büschelgras weiden. Für die unter sehr harten Bedingungen lebenden Hochlandindios liefern diese Tiere Wolle, Fleisch und Leder, sie werden als Lastenträger eingesetzt, ihr Dung bietet wertvolles Brennmaterial. Einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der überaus freundlichen Bewohner leisten wir, indem wir ihre Dienste in Anspruch nehmen und Zelte, Kochutensilien, Nahrungsmittel, Bergausrüstung und persönliches Gepäck mit 15 Pferden aus den Talschaften transportieren lassen.

An der Nordostseite des Ausangate-Massivs gehen wir unseren ersten Eingehberg an. Ohne jegliche Steig- oder Wegspuren über Geröll und grobes Blockwerk empor, bis wir den hier fast senkrecht abbrechenden Gletscher erreichen. Nun ist der Einsatz von Steigeisen, Pickel und Seil gefragt. Der Steilaufschwung geht in flacheres Gelände über, auf dem das mühsame Steigen in stark ausgeprägtem Büßerschnee unsere Kräfte fordert. Oberhalb eines kleinen Plateaus versperrt eine Felspassage den Weiterweg. Nach kurzer Felskletterei erreichen wir den Gipfelhang und schließlich den höchsten Punkt des Nevado Huamantilla, 5485 m. Großartig ist der Rundblick auf die markanten Berge der Vilcanota. Im Osten entdecken wir die Eiskuppe des Collque Cruz, im Westen erhebt sich, jetzt als Pyramide zu sehen, „unser“ Ausangate.

Beim Abstieg nimmt eine Abseilstelle über die Felswand noch etwas Zeit in Anspruch, dann aber folgen wir nicht unserer Aufstiegsroute, sondern steigen nach Osten ab, gelangen in schrofiges Gelände und können in Schotterrinnen direkt zu unserem nächsten Lagerplatz „abfahren“, wo unsere Arrieros bereits das Gepäck abgeladen haben, welches sie mit den Pferden über den 5050 Meter hohen Pachanta-Pass transportiert haben.

Am nächsten Tag steigen wir hinunter in das wiesenartige Acero-Tal, wo hunderte von Alpakas das im peruanischen Winter dürre Gras fressen. Auf der gegenüberliegenden Talseite geht es wieder empor, bis wir auf 5000 Metern einen günstigen Lagerplatz finden. „Climb high - sleep low“ heißt ein Grundsatz für eine erträgliche Nachtruhe in dieser Höhe und so besteigen wir, nachdem die Zelte aufgebaut sind, noch den Hausberg unseres Camps, die Punta Acero , die mit 5310 m Höhe einen überwältigenden Blick auf die mit riesigen Hängegletschern versehenen Jatunhuma-Gipfel eröffnet.

Dass alle Teilnehmer tags darauf auch noch den 5550 Meter hohen Huayuro Punco besteigen, zeigt, dass das Akklimatisationsprogramm, an dem ich bei der Ausarbeitung der Reise lange getüftelt hatte, stimmt: wir können zur Besteigung des Ausangate aufbrechen.

Im Basislager auf Montblanc-Höhe gilt es, unsere gesamte Ausrüstung für die kommenden Tage am Berg sorgfältig zu sortieren. Im Hochlager und beim Gipfelgang darf nichts fehlen. Jetzt müssen die schweren Lasten über die Randmoräne hinauf zum Gletscher und über diesen bis auf 5800 Meter empor getragen werden, wobei unsere einheimischen Begleiter tatkräftig helfen. Unmittelbar über uns ragt eine teilweise mehr als 50 Grad steile, von Fels durchsetzte Eiswand empor, die vor dem Gipfelgang noch mit 200 Metern Fixseil versichert wird.

Charly Gabl, Bergführerkollege und „Wetterprofessor“ in Innsbruck, hat über Satellitentelefon den für unser Unternehmen günstigsten Tag vorausgesagt. Wir beziehen die sturmfesten Hochlagerzelte. Ein paar Löffel Suppe aufgewärmte Astronautennahrung und heißer Tee wärmen uns wenigstens von innen bei minus 20 Grad Außentemperatur. Das Aufstehen fällt gegen 2.00 Uhr, als es gerade im Schlafsack erträglich geworden ist, besonders schwer. Etwas Müsli, mit Tee aus der Thermosflasche angerührt, ist das rasche Frühstück. Die Bergkleidung, Handschuhe, frische Strümpfe und die Innenschuhe der Schalenbergschuhe waren über Nacht im Schlafsack verstaut und sind nun angenehm vorgewärmt. Hart wird es erst, als wir mit übergezogener Sturmbekleidung und Wärmegamaschen die Füße ins Freie strecken und mit schnell klamm werdenden Fingern die Steigeisen anlegen müssen.

Gut, dass es gleich oberhalb der Zelte an dem fixierten Seil richtig zur Sache geht und der Körper wegen der Anstrengung auf die nötige Betriebstemperatur kommt. Diese Firn- und Eiswand wird in diesem Jahr an zwei Stellen von vereisten Felspassagen unterbrochen. Ein paar Schritte mit den Zwölf-Zackern und schon sucht man eine Möglichkeit für ein kurzes Ausruhen. Je mehr wir uns der 6000-Meter-Grenze nähern, umso keuchender wird der Atem. Nach gut zwei Stunden haben wir den oberen Gletscher, das so genannte Plateau erreicht. Hier erwartet uns tiefer, bröseliger Schwimmschnee, der sich wegen der vom Amazonas her beeinflussten feuchten Witterung in dieser Region besonders ausprägt. Doch wir haben für alle Teilnehmer Schneeschuhe mitgenommen, die sich hier bestens bewähren.

Zwei französische Expeditions-Gruppen waren tags zuvor gescheitert und mussten auf einem breiten Sattel umkehren, dennoch definieren sie diesen als Gipfel. Uns gelingt es, weitere Serpentinen bis zu einer die gesamte Gletscherbreite durchziehenden riesigen Gletscherspalte aufzusteigen. Häufig ist diese nicht zu überwinden, doch wir finden eine schmale und recht labile Gletscherbrücke, die Einzelsicherung erforderlich macht. Auch die sich anschließende Gipfelwand muss wegen ihrer Steilheit und den teils vereisten Stellen mit Seilsicherung begangen werden. Mühsam ist es, auch noch diese letzen Meter in der dünnen Luft empor zu steigen, doch schließlich ragt der Kopf über den scharfen Grat und es eröffnet sich ein überwältigender Ausblick auf eine schier unendliche Gipfellandschaft. All die markanten Berge, die wir während der vergangenen Tage bestaunt haben, liegen jetzt deutlich unter uns.

Ein Bergsteigertraum ist in Erfüllung gegangen.
          
                                                                                               Arnold Hasenkopf

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