Mustang - Der Weg ins Tal der Wünsche

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am 10.12.11 erschien in der Tageszeitung "DIE WELT" der Artikel von Caroline Heptner, "Der Weg ins Tal aller Wünsche"


An der Grenze von Nepal zu Tibet liegt Mustang - ein verstecktes Königreich, wie aus der Zeit gefallen. Bis 1992 durfte kein Fremder die nepalesische Region im Himalaja betreten. Wer sie heute besuchen möchte, braucht eine spezielle Genehmigung...

Von Caroline Heptner

Im Westen mag Gott tot sein. In Nepal hat er noch tausend Adressen. Ein wunderschöner Sonnenaufgang, die Berge sind strahlend weiß und erscheinen so nah wie nie. Hinter den dicken Mauern des Himalajas nördlich des großen Annapurna-Massivs lebt ein Herrscher wie aus alten Zeiten. Es ist der ehemalige König von Mustang. Sein Land bestimmt der Fluss Kali Gandaki, einst der Haupthandelsweg zwischen Tibet und Indien. Das Flusstal führt durch Thak Khola, die tiefste Schlucht der Welt. Die Gegenwart des früheren Königs liegt wie ein Schutzschild über Mustang. Das Volk verehrt ihn wie einen Gott - auch wenn er offiziell entmachtet ist.


Mustang, im Volksmund Lo (Süden), war einst ein unabhängiges Königreich. Nach der Besetzung Tibets durch China und dem Zusammenbruch der Handelsroute büßte das kleine Land seine Unabhängigkeit ein und ist seitdem in die Verwaltungsstruktur Nepals eingegliedert. Die Monarchie lebte dort trotz allem bis zum Sommer 2008 als Königreich von Lo fort, bis die nepalesische Regierung die Tradition der Könige in Nepal beendete. Der Palast des Königs von Mustang ist aus Lehm und Steinen gebaut, sein Reichtum besteht aus Schafen und Pferden. Bewacht wird er von einer Tibetischen Dogge. Er zählt nur 6000 Untertanen. Und doch regt sein bescheidener Reichtum die Fantasie aller Reisenden an, die noch von einem geheimnisvollen Land auf der vom Tourismus weitgehend erschlossenen Welt träumen. Jahrhundertelang haben Entdecker nach diesem verborgenen Reich zwischen den Gipfeln des Himalajas gesucht. Viele sind nicht zurückgekehrt. Und manche haben unterwegs erkannt, dass sie eine Schimäre verfolgten: dass das wahre Ziel nämlich auch ein spirituelles sein kann.
Bisweilen entdeckt man auf dem Weg durch die Wüste eine Stupa - ein kleines Heiligtum mit den Reliquien buddhistischer Heiliger - oder ein Kloster mit freskengeschmückten Wänden. Oder man steht vor einer geheimnisvollen Steilwand mit Höhlen, in denen einst Eremiten wohnten. Die Schluchten und Berge Mustangs erinnern an eine surreale Mondlandschaft.


Die Höhe, starke Fallwinde und Kälte machen deutlich, dass Mustang für Menschen eine eher lebensfeindliche Gegend ist. Trotzdem haben die Einwohner dem kargen Land 27 Siedlungen abgetrotzt. Sie legten Wasserleitungen, die als Bäche durch die Dörfer fließen, und schufen Kartoffel-, Kohl- und Getreidefelder. Sie leben von dem, was sie selbst anbauen, es ist ein bescheidenes, einfaches Leben wie aus einer anderen Zeit. Viel gibt der Boden nicht her, doch die Einwohner sind mit dem wenigen zufrieden. Untereinander betreiben sie Handel, und mittlerweile kommt auch das eine oder andere chinesische Produkt über die Grenze.


Nach fünf Tagen zu Fuß trifft man in der Mitte einer Hochebene auf die von kahlen gelben Hügeln umgebene Hauptstadt Lo Manthang, was so viel heißt wie "Tal aller Wünsche". Von mächtigen roten Mauern umschlossen erscheint der Ort wie eine Fata Morgana. Doch dann taucht man ein in eine Stadt, in der die Zeit stillzustehen scheint. Man betritt sie durch das einzige Tor der Stadtmauer und steht sogleich vor dem Königspalast - einem uralten, in den Farben buddhistischer Gebetsfahnen bemalten Haus. In den ersten Stock, den der König bewohnt, führt eine steile Holzleiter. Abends wird eine Klappe hochgezogen, dann ist der Palast geschlossen. Nur der Hund hält dort oben Wache. Auf dem Dach des bescheidenen Palasts sind Tierschädel und Tierhörner angehäuft, es finden sich in Stein gemeißelte magische Inschriften und meditierende Buddhafiguren. Gebetsfahnen wehen im Wind.
"In den letzten Jahren hat sich in Mustang mehr verändert als in den letzten drei Jahrhunderten", sagt der König bei einer Audienz. "Denke ich an unsere Zukunft, kann ich nachts manchmal nicht schlafen. Ich bin nicht gegen den Fortschritt, wenn er unserem Land dient. Aber was ist, wenn er es zerstört?" Anstelle einer Krone trägt er eine Strickmütze, statt einer kostbaren Robe nur eine Cordhose, Strickpullover und Daunenweste. Auch seine derben Lederstiefel passen eher zu einem Bauern als zu einem Monarchen. Nur der goldene Siegelring an seiner rechten Hand lässt erkennen, dass man dem König gegenübersitzt. Es wird frischer Pfefferminztee gereicht. Als Gastgeschenk erhält der König von den Fremden eine "Katha", den traditionellen tibetischen Begrüßungsschal aus weißer Seide, den er den Gästen wiederum zurückschenkt. Die "Katha" symbolisiert ein reines Herz und soll zeigen, dass die Begegnung frei von negativen Gedanken ist.
Jeden Morgen geht der König einmal um seine Stadt herum. Er erkundigt sich bei den Untertanen, wie es deren Kindern geht und wie es um die Ernte steht. Sein Weg führt ihn stets bei Talem Omar vorbei. In seinem Café bekommt man italienischen Illy-Kaffee, zubereitet mit einer solarbetriebenen Kaffeemaschine. "Best Coffee in town" steht in schrägen blauen Druckbuchstaben auf einem Holzschild neben dem Eingang. "Am liebsten trinkt der König Cappuccino", sagt Talem Omar. "Er sitzt immer auf dem gleichen Platz, dort hinten an der Wand." Was wird sein, wenn der König einmal nicht mehr in das kleine Café kommt? Wenn er nicht mehr da sein kann für Land und Leute? Talem Omar schweigt. Er kann die Fragen nicht beantworten, hat er sich doch mit solchen Gedanken offenbar noch nie beschäftigt. Warum auch? Schließlich gab es in Mustang immer einen König. Nur auf den jetzigen wird keiner mehr folgen.


Das ehemalige Königreich Mustang mit dem Volk der Lopa, an Tibet grenzend und daher durch und durch buddhistisch geprägt, ist eine einzigartige Schatztruhe - ein Ort, an dem sogar Steine eine Seele haben. Seit alters her leben dort Menschen und Tiere zusammen, die nichts vom Großstadtleben wissen. Seit Jahrhunderten ist hier die buddhistische Religion in den Alltag der Menschen integriert. Trotz größter Armut strahlen die Einwohner Ruhe und inneren Frieden aus. Alte Männer mit biblischen Gesichtern sitzen in der Sonne und halten Gebetskränze in der Hand. Frauen sitzen daneben und spinnen Schafswolle. Auf dem Marktplatz, direkt vor dem Königspalast, steht ein kleiner Junge. Sein Gesicht ist schmutzig. Stolz hält er ein rotes Spielzeug-Feuerwehrauto in der Hand, er wird es von einem Touristen geschenkt bekommen haben. Dazwischen überall Hühner, Kühe, Ziegen und kleine Hochlandpferde. Seit Jahrhunderten muss es hier so gewesen sein. Die Menschen leben nach immer gleichen, unveränderlichen Regeln und Werten zusammen.


Bis 1992 durfte kein Fremder Mustang betreten. Wer es heute besucht - die Zahl der Touristen pro Jahr ist auf 1000 begrenzt -, braucht eine Genehmigung. Dennoch ist fraglich, ob Mustang seine Andersartigkeit und Spiritualität auf Dauer bewahren kann. Die Reisenden fragen sich, ob es den Einwohnern gelingen wird, in der modernen Welt zu überleben. Noch ist der König eine Garantie dafür. Solange es ihn gibt, wird hier nicht der reine Materialismus regieren. Der König gibt Bettelmönchen zu essen im Tausch gegen die Hoffnung auf Teilhabe an ihrer mönchischen Energie. Seit 2001 gibt es eine Straße, die Tibet und Lo Manthang verbindet. Ihr Weiterbau in Richtung Süden ist geplant. Bald werden Lastwagen durch Mustangs Berge nach Nepal rollen. Und das ehemalige Königreich wird nur noch Geschichte sein.

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