Jakobsweg: Mit Wanderschuhen und wetterfester Seele

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Nach Santiago auf der berühmtesten Wallfahrt der Welt

Um das Jahr 44 ließ Kaiser Herodes Agrippa den Apostel Jakobus den Älteren enthaupten. Daraufhin geleiteten Engel und Jünger den Leichnam in einem Boot über das Mittelmeer und durch die Straße von Gibraltar in den Hafen von Iria, das heutige Pedròn in Galizien. Als das Boot mit den Gebeinen des heiligen Jakob einlief, sprengte ein frommer Adeliger hocherfreut auf seinem Ross ins Wasser, dem Kahn entgegen. Nur ein Wunder bewahrte beide vor dem Ertrinken. Als Ross und Reiter das rettenden Ufer erreichten, waren sie über und über mit Muscheln bedeckt.

Das spanisch-portugiesische Wort "Camino" bedeutet Landsträßchen, Feldweg, Pfad, Weg und Richtung. "Camino Francès" meint die ganze Pilgerroute von Frankreich über die Pyrenäen bis Santiago de Compostella, jene hochmittelalterliche Hauptverkehrsache Nordspaniens, die auch die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estrella, Burgos und León miteinander verbindet. Der Name Camino Francès entstand im 11. Jahrhundert, als über Steuererlass und Freiheitsrechte Handwerker, Händler und Landarbeiter angeworben wurden. So alt der Jakobweg ist, immerhin halb so alt wie das Christentum, er wurde neuerdings wieder so populär wie lange nicht. Mit vielfältiger Landschaft und der Wucht religiöser Bauten ist der Camino ein weites Feld für spirituelle Erfahrung. Wie schreibt Hape Kerkeling: "Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforde-rung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Und er baut dich wieder auf. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück.

Der DAV Summit Club bietet unter dem Leitmotiv "Mit Wanderschuh und wetterfester Seele" den Jakobsweg als Baukasten an. Einmal Frankreich – die Via Podiensis, und zweimal Spanien – von den Pyrenäen nach Burgos bzw. von Burgos nach Santiago. Grundvoraussetzung zur Erreichung der Compostela-Pilgerurkunde ist die Zieletappe - die letzten 100 Kilometer. Einstieg hinter der Kathedrale Santa Maria de Regla von Leòn, ein französisch inspiriertes Bauwerk aus dem 11. Jahrhundert, mit prächtigen Fensterrosen über den Portalen. Der einzige Schuhmacher hier lebt, am Rande der engwinkeligen Altstadt,  weitgehend von den Pilgern. In allen Pilgerführern kann man nachlesen, dass er über Nacht Stiefel besohlt bzw. preisgünstig Reparaturen aller Art durchführt. So einen Mann kann man brauchen – am Camino.

Aus der Stadt hinaus in die Landschaften. Zehn ausgewählt schöne Teilstücke zum "Kap am Ende der Welt". In Astorga, schmucke Kleinstadt am Fuße der Berge von León, genauer gesagt in der spätgotischen Kathedrale Santa Maria mit ihren mächtigen Säulen und uralten Heiligenfiguren besorgen wir uns noch kurz für einen Euro den Pilgerpass, zusammen mit anderen Fuß- und Fahrradpilgern unterschiedlichster Nationalität. In Astorga fanden Pilger aus Nordeuropa und Südspanien einst in bis zu 25 Hospizen Unterschlupf, so viele wie in der im Mittelalter zehnmal größeren Stadt Burgos. Astorga wurde zum Atemholen benutzt, bevor es in die Berge ging, über hohe Pässe. Die Bischofskirche ohne Querschiff entstand im 15. Jahrhundert und erhielt später noch eine Renaissance-Fassade aus rötlichem Sandstein.Gleich gegenüber erhebt sich eindrucksvoll verspielt der Palast des Erzbischofs, ein Werk von Antoni Gaudi, der zeitgleich an der berühmten Sagrada Familia im fernen Barcelona arbeitete.

Die beste Jahreszeit zum Pilgern in Nordspanien ist April bis Ende Mai bzw. Ende September und Oktober – dann steht die Natur in Blüte, im Herbst vielfach zum zweiten Mal. Heute ist der Weg hervorragend ausgeschildert, überall weisen Muschel und gelber Pfeil die Richtung. Die Muschel. Das Symbol der Santiagopilger seit dem Mittelalter. Nicht immer war der Weg so klar gekennzeichnet. Erst 1980 begann der spanische Priester Elias Valina Sampedro, den "Camino Francés" in Nordspanien mit gelben Pfeilen zu markieren – heute eines der bekanntesten Logos in Europa – und für den Aufbau eines funktionierenden Herbergsnetzes zu sorgen.

Der Weg führt – allmählich ansteigend - oft entlang der sehr schwach befahrenen Rabanal-Straße, manchmal kreuzt er ihn auch. Das hat den Vorteil dass der Summit-Begleitbus immer wieder die Möglichkeit hat, müde Wanderer aufzunehmen. Es kann kein Zufall sein, finden wir, dass unser liebenswerter, immer präsenter und zuverlässiger Busfahrer ausgerechnet Jesús heißt. - Jesús Garcia. Und wir finden es herrlich beruhigend, dass Pilger- und Wanderführer Carlo Schöttler uns immer wieder sagt: "Keine Sorge liebe Leute, nach fünf oder auch mal zehn Kilometern wartet Jesús mit dem Bus!" - Da kann man Trinkwasser nachfüllen, Wäsche wechseln, sich für den nächsten Abschnitt konditionieren.

In Castrillo heben Pilger seit Jahrhunderten einen Stein vom Boden auf – es gibt überraschenderweise noch immer genug davon – und tragen ihn als Symbol für Schuld und irdische Beschwernis, vorbei am halb verfallenen Dörfchen Foncebadòn, eine Gründung des Einsiedler Gaucelmo aus dem 11. Jahrhundert, hinauf zum oft vom Nebel verhüllten Eisenkreuz Cruz de Ferro. Den hölzernen Fuß hat vor ein paar Jahren ein Verrückter bei Nacht und Nebel abgesägt, das Kreuz ist noch immer Original. Und die Schritte werden schneller, weil der Pass sich allmählich zurücklehnt, weil ein wesentliches Zwischenziel erreicht ist. "Buen Camino". 

Der Pfad führt weiter in Richtung El Acebeo, wo wir die Mittagsrast geplant haben. Unterwegs kommt man zwangsläufig zum Nachdenken. Über Gott und die Welt. Über sich selbst auch.  Neben seiner spirituellen Bedeutung besitzt der zum Kulturerbe der Menschheit erklärt Jakobsweg noch einen weiteren historischen Wert, nämlich den, das Rückgrat der kulturellen Einheit Europas gewesen zu sein. Rückgrat und Grundvoraussetzung für die Erreichung des Ziels ist natürlich Essen und Trinken, das sprichwörtlich Leib und Seele zusammenhält, gerade auf Wanderschaft. Wir kaufen im Supermarkt Käse, Oliven, Schinken das kreisrunde Lochbrot und andere Köstlichkeiten des Bierzo, und verstauen die Vorräte für die nächsten Tage im Bauch des Busses. 

Weiter geht es über abgeerntete Felder, durch uralte Hohlwege, durch Wald und Flur auf einem kirchen- und kapellenreichen Weg, der Geschichte atmet. Die Route der Pilger nahm ihren Ausgang in Schweden, Polen, den Niederlanden, Irland, auf den britischen Inseln, in Deutschland natürlich und sogar in der Türkei. Alle Zweige vereinigten sich in Frankreich, um von dort aus in einem einzigen Strom nach Galizien zu streben. Dieser dem Lauf der Sonne und der Gestirne folgende, die Landschaften der Welt durchquerende Menschenstrom erhielt vom Dichter Dante den Namen "peregrino", Pilgerschaft. Die Milchstraße soll den "Camino" am Nachthimmel spiegeln.

Das erste wirklich bewohnte Dorf an dem jetzt durch die Landschaft des fruchtbaren Bierzo verlaufenden Streckenabschnitts des Camino de Santiago ist El Acebo, das wie ein belebtes Museum wirkt. Der Reisende, der seinen Durst an der berühmten "Fuente de la Trucha" – dem Forellenwasser – stillt, wird am Ortseingang von der Eremita de San Roque in Empfang genommen.  Auch hier kann man natürlich wieder einen Stempel für den Pilgerpass bekommen. Die Daten des Passes werden in Listen eingetragen. Es muss alles seine Richtigkeit haben, damit die "Compostela" ihren Wert behält:

Wir wandern aus dem idyllischen Nachtigallental von Molinaseca über Ponferrada und Villafranca del Bierzo nach Ambasmestas. Die Kastanienwälder nehmen zu. Prächtige, riesige Bäume, denen man ansieht, dass sie Jahrhunderte alt sind. Wie so Vieles an diesem Weg. Die Römer haben die Edelkastanie nach Spanien gebracht, als Nahrung für die Sklaven. Der Friedhof von Villafranca del Bierzo erzählt eindrucksvoll davon, dass hier kranke und zu Tode erschöpfte Pilger die Wallfahrt beenden durften. Und es waren viele, die es nur noch bis hierher schafften. Sie durchschritte die berühmte "Pforte der Vergebung" und wurden auf dem Kirchhof bestattet, der deshalb unverhältnismäßig groß ist.

Je öfter der Pilger die Windungen des Flüsschens Valcarce kreuzt und sich von den hier zur rechten Zeit üppig ausgestatteten Kirschplantagen entfernt, um so mehr dringt er in die Bergregion des Ruitelán ein, die noch keine großen Höhen aufweist, aber schon auf die letzte große „Schlacht“ vorbereitet, die Eroberung Galiziens über O Cebreiro. Bei gutem Wetter und mit moderner Wanderausrüstung ist der 1300 Meter hohe Pass kein Problem. Im Mittelalter, ungenügend gegen Wetterunbillen geschützt, mag das anders gewesen sein. Auf dem Cebreiro kann es schneien. Und die Menschen hatten grundsätzlich Angst vor den Bergen, die ja auch Zuflucht für Räuber waren. So muss man sich den Mythos O Cebreiro wohl erklären:Die letzten Kilometer sind schnell gemacht. Das Ortsschild von Santiago taucht auf. Man hängt seinen Gedanken nach. Vor dem geistigen Auge ziehen die Bilder und Eindrücke der letzten Tage vorbei. Modern und funktionell ist die zentrale Pilgerher-berge am Stadtrand – mit 780 Betten. Am Kloster Santo Domingo vorbei, zum letzten Pilgerkreuz und dann hinein in die Rua Casas Reales, direkt auf die Kathedrale zu, die "Ultreia" auf den Lippen, jenen uralten Pilgergesang aus dem Codex Calixtinus: „Großer Sankt Jakob, vorwärts, jetzt und immerdar. Gott helfe uns!" - Jeder, der den Weg nach Santiago de Compostela unter die Füße genommen hat, wird die tiefen Gefühle der Pilger durch die Jahrhunderte nachempfinden können.

Santiagos Altstadt gleicht einer Theaterkulisse aus Granit. Be-sucher und Bewohner mussten ihre Rollen nie auswendig ler-nen. Und Regie führte nur einer – der Apostel Jakobus. Wie er-hebend der Augenblick, endlich da zu sein. Der Baumeister und Bildhauer Mateo, der in zwanzig Jahren den weltberühmten "Portico de la Gloria" schuf, das prächtige Hauptportal der Kathedrale, hat das gesamte über 200 Figuren umfassende "Theatrum Sacrum" auf die Verwandlung des Menschen durch die Ankunft in Santiago hin ausgerichtet. Hier kommt das Omega vor dem Alpha. Was macht der Weg mit uns. Was hat er mit uns gemacht? Und kehren wir anders, neu zurück nach Hause?
               
                    

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