El Hierro - einst das westliche Ende der Welt Zurück zur Übersicht

El Hierro - eine der (noch) unbekannteren Kanarischen Inseln - war bis zur Entdeckung Amerikas westliches Ende der Welt. Dirk Glembin und Lisa Peltz berichten.

El Hierro - einst das westliche Ende der Welt

Bis zur Entdeckung von Amerika durch Kolumbus galt El Hierro als das westliche Ende der bekannten Welt. Um 150 n. Chr. bestimmte der Geograph Ptolemäus für die Lage des Nullmeridians die Insel El Hierro. Seit 1634 wurde als genauer Ort für den Nullmeridian der äußerste Westen von El Hierro bestimmt, da wo heute der Leuchtturm Faro de Orchilla aufragt. Erst seit 1884 gilt Greenwich weltweit verbindlich als Nullmeridian.                                          

El Hierro heute als "vergessene“ Insel zu bezeichnen, ist sicher übertrieben. Aber der Massentourismus hat hier nicht Einzug gehalten, es fehlen die Badestrände. So ist El Hierro eine Insel für Individualisten geblieben, die auch einmal auf Komfort verzichten können. El Hierro weist ein gutes Straßennetz auf und ist bemüht, durch gute Wegekennzeichnungen gerade den Wanderer und Naturfreund anzulocken. Im Jahr 2000 wurde El Hierro von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Darüber hinaus will El Hierro die weltweit erste Insel werden, die ganz auf erneuerbare Energien setzt.

Die Wandermöglichkeiten stehen denen von La Gomera in keiner Weise nach. Die kleinste dersieben Inseln des kanarischen Archipels erhebt sich bis auf eine Höhe von 1500 Meter. Gewaltige, bis zu 1000 Meter hohe Felswände fassen die Buchten von La Playas und El Golfo ein. Grüne Hochflächen, ein immergrüner Kiefern- und Nebelwald auf dem oft wolkenverhangenen Höhenrücken und eindrucksvolle Küstenlandschaften machen die vielfältigen Reize dieser Insel aus, deren letzter Vulkanausbruch 1793 stattgefunden hat. Wir beginnen unsere heutige Wanderung in Frontera, dem am El Golfo gelegenen, zweitgrößten Ort der Insel.

Unser Weg führt uns vorbei an der Ermita de Nostra Senora de Candelaria, deren Kirchturm, getrennt vom Kirchenschiff, auf der Kuppe eines erloschenen Vulkans steht. Auf den Terrassen am Wegrand wächst ein wunderbarer herber Weißwein. Die Trockenmauern aus schwarzen Lavasteinen sind dicht besetzt mit dem Dickblattgewächs Aeonium. Einige dieser Pflanzen zeigen sehr große, kegelförmige, intensiv gelbe Blütenstände. Unser Weg führt uns jetzt direkt auf die Steilwand zu und wir finden den Einstieg zu dem Camino de Jinama. Der gepflasterte, gut instand gehaltene Steig, Teil des alten Verbindungsweges von Frontera nach San Andres, führt uns 600 Höhenmeter steil hinauf zur Abbruchkante der Steilwand.

Der Steig bezaubert durch seine einmaligen Einblicke in den Nebel-Urwald, der hier die fast senkrechte Steilwand bedeckt und seine Feuchtigkeit aus den Wolken bezieht, die sich im Stau der Steilwand bilden. Hier wachsen mächtige, uralte Lorbeerbäume. Weiter oben Riesenfarne im Unterholz, Moos überzieht Steine und Baumstämme, Flechten hängen von den Bäumen. Beim Mirador de Jinama mit der kleinen Kirche Ermita de la Caridad treten wir aus dem Wald heraus und erreichen das mit Gras bewachsene Hochland, die Tierra que Suena. Uns eröffnet sich ein grandioser Blick auf die Bucht El Golfo. 1200 Meter tief unter uns sehen wir die Küste mit dem weiß aufschäumenden Brandungssaum. Die Bucht wird im Westen begrenzt durch den Punta de la Dehesa und im Osten durch die einem Kap vorgelagerten, Gischt umspülten Roques de Salmor. Gut zu erkennen ist, dass die Steilwand den Rand eines im Durchmesser fünfzehn Kilometer großen Kraters bildet, dessen übriger Teil vor uralter Zeit instabil geworden und ins Meer gestürzt ist.

Die Tierra que Suena dient als Weide für Kühe, Pferde und Schafe. Steinmauern durchziehen das Hochland und teilen es in einzelne Parzellen auf. Einige Vulkankegel erheben sich aus der Ebene. Wir wählen den aufregenden Weg entlang der Abbruchkante. Das Gras ist schon sehr trocken. Bei jedem Schritt springen zahlreiche Heuschrecken auf. Blau blühende Disteln bilden farbige Polster. Direkt an der Abbruchkante blüht mannhoher Fenchel. Unweit von uns
ist eine ganze Möwenkolonie auf der Jagd nach Heuschrecken. Im Dunst vor uns
verschwimmt der Horizont, schemenhaft ist La Palma zu erahnen. Immer wieder müssen wir Steinmauern übersteigen. Nach einigen Kilometern beginnt das Gelände abzufallen. Die Vegetation wird üppiger. Am Wegrand blühen Margariten und Ginster.

Wir erreichen den Mirador de La Pena, ca. 600 Meter über der Küstenlinie. Unaufdringlich hat hier Cesar Manrique ein Panoramarestaurant in die Felsen der Steilwand eingepasst. Die raumhohen Fenster des Restaurants ermöglichen einen unverstellten Blick auf die ganze Bucht. Unter uns die meerumschäumten Roques de Salmor, die heute wieder eine stabile Population der endemischen Rieseneidechse Lagartos gigantes beherbergen. Die Eidechse galt als ausgestorben, bis 1970 einige Exemplare an fast unzugänglicher Stelle in der
Steilwand wieder entdeckt wurden. Heute wird die Echse in Frontera erfolgreich gezüchtet und wieder ausgewildert.

Der Mirador de La Pena ist von einem herrlichen Garten mit endemischen Pflanzen in schwarzem Lavasand umgeben. Vor unserer Rückfahrt gönnen wir uns noch eine kurze Pause der Rückbesinnung und blicken hinab auf unseren Ausgangspunkt Frontera mit dem alten Dorf "Guinea“, das bis zur Mitte des vorherigen Jahrhunderts bewohnt gewesen war. Die Häuser sehr klein, fensterlos, die Stroh gedeckten Dächer festgehalten durch Seile. Jedem Haus zugeordnet ist eine Zisterne und ein kleiner, Mauer umschlossener Gemüsegarten. Ein Leben in Armut, in heute unvorstellbarer Dürftigkeit und ohne jegliche Hygiene.

Vor vier Tagen hat uns die Doppelrumpffähre von Fred Olsen in nur 2 ½ Stunden von Teneriffa hier herüber gebracht. Gelandet sind wir im Puerto de la Estaca und mit dem Bus hinaufgefahren nach Valverde, der Inselhauptstadt. Aber eigentlich ist Valverde nur ein verschlafenes, größeres Dorf, in dem wir das kleine, einfache, aber sehr saubere Familienhotel "Boomerang“ beziehen.

Hier im Nordwesten der Insel stauen sich die Passatwolken, die für lebensnotwendige Feuchtigkeit sorgen. Ab und zu liegt Valverde direkt in der Passatwolke, es ist dann hier oben neblig und sehr kühl. Unser erster Weg führte uns mitten in den subtropischen Nebelwald auf den Bergrücken der Insel mit seiner beeindruckenden Vegetation. Ein Wald aus Lorbeer und Baumheide, ähnlich wie wir ihn auch in der Steilwand von El Golfo finden. Lautlos ist unser Schritt auf dem federnden Waldboden. Unsere Sinne sind gefangen von einer mythischen, märchenhaften Stimmung, die alle Gespräche verstummen lässt. Weiter unten geht der Wald über in lichten Kiefernwald. Hier, oberhalb von El Pinar, muss vor einigen Jahren ein gewaltiger Flächenbrand gewütet haben. Die Stämme der Kiefern sind rauchgeschwärzt, Zweige und kleinere Äste verbrannt. Bei kleineren Bäumen ist nur der Stamm übrig geblieben. Dennoch, auch diese Bäume treiben in der ganzen Höhe des Stammes seitlich neues Grün. Eine erstaunliche Resistenz gegen Feuer.

Unterhalb von El Pinar wird das Land karg und eintönig. Zuerst noch unbestellte
Terrassenfelder, dann dürftige Vegetation, Vulkankegel ragen auf, am Wegrand Stricklava. In der kleinen Bucht von Cala de Tacoron finden wir einen kleinen schwarzen Badestrand, eingerahmt von schwarzen Vulkanbergen. Von Valverde in Richtung Westen durchfahren wir den fast endlos erscheinenden Kiefernwald. Ziel ist die Ermita Virgen de los Reyes, das bedeutenste Inselheiligtum. Tief unterhalb der Ermita die schwarze Lavawüste der Montana Colorade und der Leuchtturm Faro de Orchilla. Die Ermita ist unser Ausgangspunkt für das Plateau von El Sabinar, eine unwirtliche Landschaft. Der Sturm, der hier fast ständig gegenwärtig ist, treibt Nebelschwaden vor sich her. Wolfsmilch und Zistrosen bedecken den Boden. Aber ganz einmalig, eine botanische Sensation sind die uralten Wacholderbäume. Der ständige Nordost hat die Bäume verbogen, verdreht und die Kronen zu Boden gedrückt. So wachsen die Bäume, nahezu auf dem Boden liegend, im Windschatten ihrer eigenen Stämme weiter. Jeder Baum hat seine eigene skurrile Form angenommen, keiner gleicht in seiner Form dem anderen.

Wir verlassen El Sabinar und steigen in Richtung Inselmitte auf. Der Nebel wird immer stärker, der Vordermann ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Nach einigen 100 Höhenmetern lichtet sich der Nebel und wir kommen an verlassenen Terrassenfeldern vorbei. Unglaublich ist die Blumenpracht am Wegrand. Schließlich laufen wir am Rand des Kiefernwaldes weiter aufwärts bis zum höchsten Punkt der Insel, dem 1500 Meter hohen Malposa mit einem fantastischen Blick auf den wolkenverhangenden El Golfo. Nur wenige hundert Meter oberhalb von Valverde auf dem Weg nach San Andres befindet sich der Arbol Santo, der heilige Baum, ein Wasser spendendenes Baumheiligtum, verehrt von den Ureinwohnern, die sich hier Bimbache nannten. 1405 landete der Eroberer Jean de Bethencourt, nahm den Bimbachen-König Armiche und 120 seiner Getreuen durch eine List gefangen und schickte sie in die Sklaverei. Nun begann für die Ureinwohner eine schreckliche Zeit der Unterdrückung und Willkür. Innerhalb weniger Jahrzehnte war die steinzeitliche Kultur der Bimbache völlig ausgelöscht.

Heute findet überall auf den Kanarischen Inseln eine Rückbesinnung auf Kultur und Geschichte der Ureinwohner statt. In Stein geritzte Schriftzeichen, sogenannte Petroglyphen, werden wieder entdeckt und streng geschützt.
                                                                                                              

                                                                                    Dirk Glembin und Lisa Peltz

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